Sonntag, 28. September 2025

Der Teppich der Trauer


Knolle liegt im Bett. Das gleißende Mondlicht tanzt in dünnen Steifen über ihre Bettdecke. Normalerweise freut sie sich über Vollmondnächte und Vollmondlicht. Sie weiß, dass in diesen ganz besonderen Nächten Klimperwimper zu Besuch kommt. In dieser Nacht aber fühlt sich ihr kleines Herz an, als würde es zusammengedrückt. Als würde jemand mit seiner kalten Hand das kleine puckernde Herz zusammendrücken und ihr keine Luft zum Atmen lassen. Eine Träne rollt über ihre Wange. Ihr ist kalt, sie friert.

Plötzlich nimmt sie flackerndes Licht und knisternde Geräusche war. Als würde jemand ein Lagerfeuer machen. Sie dreht den Kopf ins dunkle Zimmer und versucht herauszufinden, woher der Lichtschein kommt. Am anderen Ende des Raumes brennt ein kleines Lagerfeuer. Lustige Flammen tanzen hin und her, es knistert, kleine Funken steigen auf. Klimperwimper sitzt mit einer dicken Wolldecke ummantelt auf einem Hocker und hält einen Stock ins Feuer. Er lächelt zu ihr herüber.

Na kommt schon, wiehert er, oder soll ich das Stockbrot alleine machen? Knolle rutscht aus der Bettdecke und gleitet in ihre Hausschuhe. Dicke plüschige Hasen, von denen Opa immer sagt, das seien Uhus. Opas halt. Sie rennt zu Klimperwimper rüber und wirft sich ihm an den Hals. An seinen warmen, weichen, glatten Hals. Sie schluchzt, dicke heiße Tränen rollen über ihre Wangen. Na na, sagt Klimperwimper, das wird schon. Komm, ich zeig dir, wie man Stockbrot macht, und du erzählst mir, was passiert ist. Während er den dünnen Ast mit Hefeteig umwickelt, setzt Knolle sich neben ihn. Wie froh sie ist, dass er endlich da ist. Ihr wird warm.

Nun erzählt mal, sagt Klimperwimper, und reicht ihr ein Stück, heißes, duftendes Stockbrot. Pusten, du must pusten, sonst verbrennst du dir die Schnute. Sie muss lächeln.

Ich schäme mich, sagt Knolle. Wenn jemand ganz doll traurig ist, weiß ich nicht, was ich tun soll. Oskar hat doch seinen Hund verloren, und jetzt weint er ganz oft. Und bei Bibi ist die Oma gestorben, und sie weint auch ganz oft. Immer ist irgendjemand ganz doll traurig, nicht einfach nur ein bisschen, sondern so richtig feste traurig. Was soll ich nur tun?

Weißt du, sagt Klimperwimper, Trauer ist wie ein Teppich, auf dem wir alle gehen. Ein Teppicht hat irgendwo immer starke, ganz dicke bunte Muster, meistens in der Mitte. Irgendwo in der Ecke, rechts oder links oben sind bunte Fäden. Vielleicht Türkis oder Rose. Und am Ende hängen Fransen, dünne cremefarbene Fäden. Die kann man sogar glatt kämmen. Und jeder, der traurig ist, steht mal hier, mal dort auf diesem Teppich.

Wenn Oskar zum Beispiel ganz doll weint, steht er bestimmt in der Mitte des Teppichs. Da stehen meistens Mama und Papa neben ihm und trösten ihn. Sie nehmen in den Arm und halten ihn fest, solange er weint. Aber manchmal, da steht Oskar mehr am Rand und schaut traurig drein. Dann sieht er dich auf dem Teppich sitzen, wie du die Fäden kämmst. Darüber freut er sich. Er freut sich, dass er nicht alleine ist, dass da noch jemand ist. Nämlich du.

Wenn Bibi ganz arg traurig ist, dass ihre Oma nicht mehr da ist, dann ist da ihr Bruder Max, der direkt neben ihr steht und sie lieb anschaut und umarmt. Wenn Bibi dann rüberschaut, sieht sie dich, wie du vielleicht die dicken blauen Muster auf dem Teppich bewunderst. Sie kommt zu dir herüber, und gemeinsam staunt ihr über die Kreise, Farben und verschiedenen bunten Stellen auf dem Teppich. Bibi freut sich bestimmt, dass sie nicht alleine ist, sondern eine Freundin hat, die mit ihr auf diesem großen, bunten Teppich steht. Nämlich du.

So ist das mit der Trauer. Manchmal muss man einfach nur da sein. Das hilft schon, dass Oskar und Bibi und all die anderen, die traurig sind, sich nicht mehr alleine fühlen. Gut ist, wenn der Teppich nur groß genug ist und genügend Leute draufpassen. Mama, Papa, ein Bruder oder eine Schwester und eben eine ganz besondere Freundin, wie du. Wenn alle in der Mitte stehen würden, wäre es da viel zu voll. Bibi und Oskar würden vor lauter Menschen gar keine Luft mehr kriegen. Es ist gut, einfach nur da zu sein. Jeder an seiner Lieblingsstelle, an seinem Platz. Wenn du dir die Ecke mit den leuchtend türkisen Mustern aussuchst, ist es ein ganz wundervoller Platz. Wenn du lieber die zersausten Endenkämmst, sieht der schöne große Teppich immer ordentlich und frisch gekämmt aus. Dann haben alle Freude an diesem schönen großen Teppich mit den ordentlichen Fransen. Das ist das schöne an einem Teppich. Er ist bunt, es passen viele viele Leute drauf, und er ist oft so dick, dass niemand kalte Füße bekommt. Warme Füße sind wichtig, weißt du? Damit man sich wohlfühlt. Schau mal, meine Hufe ...

Knolle war plötzlich ganz müde. Sie gähnte, und ihr fielen die Augen zu. Klimperwimper nahm sie behutvoll auf seinen Rücken und trabte mit ihr zum Bett. Weißt du, meine kleine Knolle, sagte er, als er sie liebevoll zudeckte, ein großer bunter Teppich ist etwas ganz Wundervolles. Knolle seufzte. Morgen könnten wir zusammen Memory spielen, dachte sie noch. Bibi, Oskar und ich. Auf dem schönen, bunten, dicken Teppich. 

(für Yanitsa)

 

 

 

 

Donnerstag, 25. September 2025

 

Scheiße, mein Hund stirbt

 

Ich wünsche MIR, nicht ihm, ich wünsche mir, dass wir ihn schnell erlösen. Auf jeden Fall nicht mehr warten, bis die 3 Monate rum sind, von der die Ärztin in der Tierklinik gesprochen hat. Alles ist besser, als diese scheiß Zeit auszuhalten. Ich komme mir nicht einmal egoistisch vor, ich halte es einfach nicht mehr aus. Mein geliebter Gandhi wird jeden Tag weniger. Ich hätte ihn schon letztes Wochenende einschläfern lassen können, als wir sonntags plötzlich mitten in der Nacht beim Notdienst-Tierarzt saßen, weil er kaum Luft bekam, ich dafür aber fast eine Panikattacke. Aber er hat noch Energie, Lebensenergie. Er geht unfassbar gerne meilenweit spazieren. Für mich ist es meditatives Gehen bei gleichzeitigem Aushalten meiner Ungeduld, wenn wir mit 0 km/h durchs Viertel streifen. Mein Gefühl sagte mir, dass es noch nicht so weit war. Er will noch was. Die Ärztin war auch der Meinung, dass wir noch ein bisschen Zeit haben werden. Aber wieviel ist ein Bisschen?

Er wird jeden Tag weniger. Weniger kräftig, weniger sportlich, weniger frech, weniger Gourmet, weniger verschmitzt, weniger unser Prinz. Ein König wird er immer bleiben. Jetzt und für immer. Er ist ein König von Hund. Edel, gut, mit Haltung, Überzeugung (auch wenn unangebracht), freundlich, nachgiebig, verschmust. Bälle holen hat er MIR beigebracht, während er mit Blicken auf der Wiese auf mich wartete.

Ein kleiner Scheißer, ein ungarischer Haufen Elend. Verfilzt, verkannt, geschlagen, aber innen ein König. So kam er zu mir. Er sieht aus wie mein alter Teddy. Sein Aussehen und sein Wohnumfeld Tötungsstation haben mich bewogen, ihn zu kaufen, freizukaufen. 

Er lebt nicht die ganze Woche bei mir. Vorwürfe, ich habe ihn abgeliefert, durchwehten lange mein Herz. Ihm geht es gut. Bei meiner Mutter. Er konnte nochmal so richtig die Monarchen-Leiter aufsteigen. Warum ich so leide? Weil ich ihn unendlich und tief vermissen werde. Weil ich eine scheiß Angst vor dem Moment habe, in dem wir besprechen, wann wir ihn erlösen. Weil ich eine scheiß Angst davor habe, wie das Leben ohne ihn sein wird. Ohne unsere Zwiegespräche, unsere Schmuseeinheiten, unsere Rituale. Die guten wie die depperten. Ich werde vermissen, dass ich nie mit ihm als Schwimmer angeben konnte, er aber trotzdem in jeder Pfütze zuhause ist. Ich liebe seinen Geruch. Meine Nase in sein Fell tauchen und auftanken, mir einbilden, ich könne seinen Geruch unter Milliarden Gerüchen erkennen. Ich mag seine Art, erst auf Hunde zuzugehen, nur um dann zu grummeln. Ich mag es, wenn er vor Bäumen steht und meint, die Eichhörnchen ließen sich durch sein Gebell erweichen. Ich liebe es, wenn er "Hasi" anschlört und meint: "Jetzt ist Playtime!". Ich mag es, wenn er nachts im Traum bellt und irgendetwas hinterherjagd. Er ist mal im Wald zwei Stunden hinter einem Reh hergelaufen (ja, ich weiß!), saß dann irgendwo in selbigem, ließ sich von der Polizei abholen und, wie ich finde, stolz ob seines Tagwerks, bei mir zuhause absetzen. Voller Kletten und Gestrüpp aber mit einer Haltung, die seinesgleichen sucht. 

Ich muss für dich das Ende setzen, weil du es nicht kannst. Vergib mir, wenn ich es falsch mache! Ich werde dich nicht leiden lassen. Das konnte ich damals nicht, und das werde ich heute nicht. Vergib mir, dass ich es entscheiden muss!

Gandhido, Räuber, mein kleiner Mann, Pamperspo, Knopfauge, sprinte noch einmal mit mir über die Wiese und veräppel mich, wie du es oft getan hast.

Es gibt Momente, da hasse ich es zu lieben. Wer liebt, muss auch Abschied können. Scheiße! Eigentlich hatte ich noch 5 weitere Jahre bestellt, und jetzt geht der kleine Bro. Ich kann nichts tun. Ich kann es nur aushalten. Versuchen auszuhalten. Tief in mir höre ich einen Satz: "Ich werde mich nie wieder an jemanden binden, dann muss ich auch nichts aushalten".

Drehen wir eine Runde, mein kleiner Gandhi. (Gandhi, ind. der Fordernde)

Freitag, 4. April 2025

 Sunset

Als sie meine Brust massiert hat, habe ich mich gefragt, warum es mir nichts ausgemacht hat. Warum habe ich es genossen, keine Bedenken gehabt, keinen Fluchtimpuls, keine Angst verspürt. Warum kann mich ein mir gänzlich fremdes Wesen auf derlei Art und Weise anfassen und so emotional berühren? Während ich auf der Massageliege lag, spürte ich, wie sie sich von hinten über meine Kopf beugt. Ich spüre auf meiner Stirn ihre warme, weiche Brust. Sie riecht nach nichts. Nicht unangenehm aber auch nicht aufdringlich oder betont sauber. Ich spüre nur ihre Wärme, und es macht mir nichts aus. Ihre warmen Hände berühren meine obere Brust, nicht die Brüste. Sie massiert sanft das Gewebe und schiebt es von sich weg, irgendwie nach unten. Sie ist mir so nah. Alles, was ich spüre, ist diese sanfte und doch kräftige Bewegung und mein Erstaunen, dass ich mich weiter und weiter entspanne.

Ich habe eine Stunde Thai-Massage hinter mir. Die Frau, die nur ein einziges deutsches Wort: "umdrehen" zu mir gesagt hat, durchwalkt beinahe jedes meiner verpannten Körperteile. Sie knetet meinen Körper durch wie einen warmen Brotteig. Es tat so weh und doch so gut. Sie nimmt meine Hände in ihre warmen Hände, berührt gefährlich nah meine Beine in Richtung Vulva, knetet die Po-Backen, kreist mit stahlharten Fingern um jede Rippe, jeden Wirbel-Zwischenraum.

Mir stockt der Atem, wenn sie Schmerzpunkte findet, Stellen stahlharter Verspannungen trifft, massiert, ausstreicht, wieder massiert. Ich kann innerlich mitfühlen, wie diese Verhärtungen abfließen, beim erneuten Darüberstreichen keine Blockaden mehr spürbar sind. Ich tauche tiefer und tiefer in die wunderbare Welt der Berührungen ab, ihre Hände sind zwischendurch scheinbar überall. Eine Welle der Entspannung überrollt mich.

Ich soll mich aufsetzen. Sie kommt mit ihrem Gesicht ganz nah an meines, lächelt mich an. Plötzlich streichelt sie mein Gesicht, als wolle sie mich trösten. Spürt sie, dass mir diese Berührungen so fehlen? Ihre Hände sind warm, ihre Nähe ist liebevoll, respektvoll, ehrlich. Zum Schluss reibt sie meinen ganzen Körper mit einem heißen Waschlappen ab. Es ist wie eine sanfte Reinigung. Das Ende der Massage-Stunde.

Wie kann es sein, dass mir eine fremde Person so nah kommen kann? Cherrey heißt sie. Das erzählt mir die Chefin, die beim Verlassen des Massagesalons kassiert. Ich kenne Cherrey nicht, sie kennt mich nicht. Wir haben nicht miteinander gesprochen, und doch hat sie mir ganz viel gegeben. Ist das auch eine Form von Liebe, wenn man so unfassbar kräftig-liebevoll entspannt wird? Wahrscheinlich schon. Auch wenn ich dafür bezahlt habe. Geld gegen Dienstleistung oder eine Stunde voller wundersamer Berührung.

Danke, Cherrey, du fremdes, warmes, kräftiges Wesen!


Freitag, 28. März 2025

Gut betucht

 

Das mit dem Wechseljahrs-Busen ist so'n Ding. Erst kaufste dir BH's, die keine Bügel mehr haben, weil du dir die Dinger am liebsten vom Leib reißen möchtest. Dann ziehst du sie aber trotzdem ständig an, weil hängenlassen willste auch nicht. Sieht blöd aus, auch wenn ich mich immer öfter frage: "Wer hat diesen Scheiß eigentlich erfunden? Warum zwängen wir Frauen uns in sowas rein?" Die Abstandsregel zwischen Busen und Bauchnabel verhält sich ziemlich konträr zu meinem Wunschdenken. Aber immer gerade stehen, Schulter zurück und Brustmuskel anspannen und so tun, als wäre ich 20, ist mir auf Dauer zu anstrengend. 

Jetzt hatte ich mich damit abgefunden, dass sich so einiges am weiblichen Körper der Schwerkraft unterwirft. Augenlider? Rollos runter. Pralle Wangen? Streich' das Wort "prall" und ersetze es durch Nasolabial-Falte. Straffes, geformtes Kinn? Taufe es um in "Oma-Lene-Gedächtnis-Kinn. Straffer Busen? Macht sich auf den Weg zum Bauchnabel. Unten rum sieht's auch nicht besser aus, aber das ist ein anderes Thema. Hat Trigger-Potential, lasse ich hier mal weg. Vorerst.

Zurück zum BH und meinem Busen. Diese zwei hatten sich überlegt, wir machen mal das, was in jeder Studie über Wechseljahre steht: Wir werden größer! Und so sieht es unter einem eng anliegenden T-Shirt mittlerweile aus, als wüchsen mir extra Wülste, je zwei an den Seiten und in der Mitte. Also müssen schon wieder neue Halter her. Das schöne am Älterwerden ist, dass ich mich immer mehr mit Frauen meines Alters vernetze und deswegen im Dessous-Laden unseres Vertrauens stehe und eine Fachverkäuferin bitte, sich meiner Wechseljahrs-Busen-Problematik anzunehmen. ICH steige durch die hunderte Regale und Angebote nicht mehr durch. Ist mir auch zu anstrengend, ich bin eh' immer wütend und schnell genervt und transpiriere vor mich hin. Also muss Hilfe und Lösung her, und zwar schnell. 

Die Dame hört mir kurz zu, verspricht Lösungen und bugsiert mich in Richtung Umkleidekabine. Da stehe ich nun ... äh, da stehen wir nun. Sie ist gleich mit reingehüpft, um sich das Dilemma hautnah anzuschauen und Hand an die Haut zu legen, sprich auszumessen. Keine 2 Minuten später bin ich stolze Besitzerin von 3 Körbchengrößen mehr! Fachsimpelnd verlässt die helfende Hand die Kabine, um wiederum keine 2 Minuten später mit 6 neuen Haltern zurückzukehren. Es wird gezogen, zurechtgeschnürt, enger gestellt, weiter gestellt, geschaut, Hand angelegt, neu zurechtgeschoben. Ich bin mehr als skeptisch, will schon aufgeben. Aber wie von Zauberhand sitzt plötzlich der erste BH wie angegossen, der zweite und dritte auch. Ich kann mich bewegen, atmen, und sie sehen auch noch sehr gut aus. Keine Dessous aber auch keine Omma-beigen, zweckmäßigen Dinger, die man eher traurig trägt, weil "besser wirds nicht". 

Der Wert dieser neuen Unterwäsche lässt mir ein bisschen den Atem stocken. Mein Gehirn schaltet sich ein und konstatiert: "Das bist du dir wert". Und tatsächlich bin ich einverstanden. Ich kaufe drei neue BHs, die mich ein Vermögen kosten. Ich bin es mir wert. Ich bin es wert, meinem Busen das Beste angedeihen zu lassen, was ich mir vorstelle. Ich bin es mir wert, mich wohlzufühlen und zwischen "mir doch egal, wie hängenlassen aussieht" und "so kannst du nicht rumlaufen" zu entscheiden, wo mein Mittelweg verläuft. Und wenn ich den gehe und mich dabei so wohlfühle, dass ich den einen direkt anlasse, habe ich alles richtig gemacht.

Die Büste fühlt sich wohl. Gut betucht und wohl gehalten in feinem Stöffchen. So geht Wechseljahre!

Samstag, 15. März 2025


Variante 1

Halt! Mama!! Mein Stiefel! Ich habe meinen Stiefel verloren. Meine Lieblingsstiefel, Mama, halt an!! Was muss sie auch immer so durch die Gegend rasen? Außerdem ist der Weg hier doof. Voll rumpelig. Nur blöde Bäume und olle Steine. Nicht mal ein Spielplatz in der Nähe. Aber suuuper viel frische Luft. "Schau mal, Sophie, ist das nicht schön hier am Kanal, und diese tolle Luft?" Nein? Ist es nicht? Jetzt ist auch noch mein Stiefel weg! Mama!!!! Ich will meinen Stiefel zurück! Mama? ... dann werd' ich eben krank. Wirst schon sehen. Ich werde krank mit ganz doll kalten Füßen. Dann musst du mir neue kaufen.

 

Variante 2

Voll blöd. Ich fahr nie wieder zu Till's Geburtstag. Nie wieder! Till ist doof. Geburtstag ist doof. Dabei hat Mama fest versprochen, dass wir heute neue Schuhe kaufen. "Ach Sophie, das können wir doch ein anderes Mal machen. Versprochen. Schau, heute hat erstmal der Till Geburtstag. Der freut sich doch ganz doll, wenn wir kommen. Außerdem ist es doch noch viel zu kalt für neue Sommerschuhe". So, das haste jetzt davon. Raus damit. Und schwupp! Ich liebe Fahrradanhänger und holprige Wege! Bin ich doch nicht inschuld, dass der dumme Stiefel rausgefallen ist.

Dienstag, 19. März 2024

Die kleinen Momente des Lebens - zweiter Plot

 

Zweiter Plot:

Supermarktkasse. Einkauf für Muttern. 10 Kilo feinster Dallmayr Prodomo im Einkaufswagen. Ja ja, gibt auch andere gute Sorten ... Ein alter Mann vor mir, ein alter Mann hinter mir. Ich erwarte nichts Gutes. Zumal ich "Zweite Kasse bitte!" gerufen hatte und nur knapp hinter Pole-Position hier stand. Gibt ja alte Menschen, die mit Gehstöcken vor deiner Nase rumfuchteln und dir Böses in Aussicht stellen. Auch wenn meine Ausstrahlung auf fremde Menschen eher die Variante "Pläuschchen? Why not", als "Verpiss' dich, Wichser!" ist. Rentner inklusive.

Der alte Herr vor mir sehr nett und interessiert an meinem Einkauf. Sonderangebot? Sein Gesicht vor meinem. Gaaaaanz nah. Ach so? Heute? Ja ja, Kaffee? Lecker lecker. Der Senior hinter mir ebenso. Nett. Nicht nah. Ach witzig, ich kaufe immer für meine Schwester mit ein. Grins. Sehr breites Grinsen. Man kommt schnell ins Gespräch über den feilgebotenen Kaffee und seine Gaumenfreuden. Vergleiche fliegen hin und her. Hier das Team Kaffee Hag, dort die Mannschaft Dallmayr. Team Hag fährt immer nach Holland und kauft dort günstig ein. Aber sagen Sie mal, mit der App gibt's Prozente? Das muss ich mir mal angucken. Hm, ja ja, ist ja alles so teuer geworden. Aber ein guter Kaffee geht immer. Dann mal alles Gute für die Mutter. Das Wetter ist ja so herrlich heute.

Jedenfalls. Während wir hier so gemütlich beieinander stehen, laufen vor meinem inneren Auge die alten Filme ab: Mitten am Kaffeetisch von Oma Änne, neben mir Onkel Martin, der gerade für Tante Gerda eingekauft hat und sich über ein Stück Kuchen freut. Alle lachen, schwätzen miteinander, der frisch aufgebrühte Kaffee duftet, Tante Marianne's Kuchen ist noch warm. Es werden Geschichten erzählt vom Büdchen um die Ecke, vom verrückten Fräulein Merzig, vom viel zu kalten Frühling und von Zeiten, in denen Butter noch Luxusgut war und die Kaffeekanne vor dem Befüllen mit heißem Wasser ausgeschwenkt wurde. Dann blieb er länger heiß. Die Sonne scheint durch's Wohnzimmerfenster.

Selten ging es mir nach einem Einkauf bei Lidl, und ja es gibt auch andere Supermärkte, so gut. Wärme im Bauch und Frieden im Herzen. Kaffee sein Dank!

Die kleinen Momente des Lebens - erster Plot

 

Erster Plot:

Feierabend. Mit dem Rad an der Ampel. 5 junge Damen, ebenfalls mit dem Rad, vor mir. Es wird gekichert, Outfits begutachtet (ich seh' nur bauchfrei und frierende Heimkehrerinnen): "Boah der Lockenstab ist mega!", "Leih mal.", sagt die mit der schwarzen kurzen Lederjacke. "Also ... ich habe einen Labello mit, meinen Stift, Geld und mein Handy", spricht eine andere und kramt in ihrem Stoffbeutel. Sie sagt es mit so einem Stolz, dass ich ihren Reichtum förmlich spüre. "Alter, wie lange darfst du?", fragt die Bauchfreie. "Heute ausnahmsweise bis 10", schallt es von rechts zurück. Alle jubeln.

Hach, wäre ich nochmal 13 und mit meinen Freundinnen auf dem Weg zur Kirmes! Wie gerne wäre ich erst um 10 Zuhause. Der neue Labello fühlte sich wie Luxus-Kosmetik an. Ich würde trotz viel zu kurzer Jacke im Winter nicht frieren. Das Leben wäre aufregend und schmeckte nach Zuckerwatte! Ich wäre reich. Reich an Freundinnen, an Erlebnissen und an Luxus-Kosmetik.

 


Mittwoch, 7. Februar 2024

Herr Stoppek und das Schüssler-Salz

 

Oh mein Gott! Lina hat gestern Ihre Fingernägel abgemacht! Die anderen beiden sind voll echt krass erstaunt. "Zeig!", "Boah, slay!" Lina grinst.

Maria geht mit ihrem Sohn und dem Enkel einen Receiver kaufen, damit der Laptop samt Anlage wieder läuft. Wäre ja doof, wenn sie erst einen Laptop mit nach Hause nimmt, und dann funktioniert das Ding nicht. Kann ich verstehen. Sohn und Enkel auch.

Herr Stoppek möchte der Dame mit dem roten Hut gerne etwas Gutes tun. Sie guckt etwas irritiert, weiß nicht so recht, was sie auf seine Frage antworten soll. Sie nimmt die Brötchentüte von der Theke und geht wortlos. Mir täte da eine Menge einfallen. Rückenmassage, Käffchen, nett was gekocht bekommen, Sex …

Und Schüssler-Salze. Unbedingt Schüssler-Salze kaufen. Gerade die Nr. 5 tut in diesen Zeiten so gut. Kalium. Da die Kundin mit dem kleinen Hund in der Tasche (wo sie den käuflich erworben hat, erschließt sich mir nicht) sich an allem entzündet. Ja, wir leben in einer schlechten Zeit. Den Fernseher will sie öfter mal ausgeschaltet lassen. Die kleinen Dinge sehen, vielleicht mal einen Marienkäfer. Die sind ja so putzig. Da freut man sich sofort. Gut für sich kochen, das hat sie sich fest vorgenommen. Ich empfehle da Herrn Stoppek, und ordentlich Schüssler-Salz dran. Dann isses doch rund. In diesen schlechten Zeiten. Vielleicht noch öfter den Hund aus der Tasche nehmen und einen ordentlichen Spaziergang draußen. Aber man steckt nicht drin. Also, der Hund schon.

Leo soll schon mal vorlaufen. Sie muss der Kollegin noch den Kopf waschen. Wie schön, dass ich jetzt auch weiß, dass Karin sich mal ordentlich wehren muss. So geht das doch nicht weiter. Wenn jeder meint, ihr auf dem Kopf rumtanzen zu müssen. Einen Gang weiter sind wir schon beim Anwalt. Dr. Sehberg aus dem Sentruper Viertel ist der Beste. Habe ich mir gleich notiert. Man weiß ja nie.

Inzwischen schwitze ich mich tot. Warum muss es in Einkaufzentren immer so furchtbar heiß sein? An der Kasse bekomme ich noch einen Traubenzucker geschenkt. Ich hasse Traubenzucker!!

 

 

 

Dienstag, 6. Februar 2024

Heute schon geschwommlaufen?

 

Das Dumme am Aufregen beim Autofahren ist, dass dich niemand hört. Wobei? Das kann auch sehr hilfreich sein, wenn man mal was rausschreien muss. In diesem Fall war ich seltsam gefangen im Unverständnis meines Hirns, das sich auf meinen Körper irgendwie mildernd auswirkte. Wahrscheinlich, weil das kleine blaue Auto da vorne so klein und so wunderschön blau war.

Es war schon fast putzig, wie das kleine blaue Ding die 4 dicken Karren (und mich) in Schach hielt, die sich hinter ihm aufhielten. Überholen verboten. Durchgezogene Linie. Also … tuck tuck ... hinterher. Mit 70 am Wald vorbei, 100 sind erlaubt. So sieht man mehr. Schöne Bäume hier, alles so dicht, so ruhig, so entspannend. Schöne Häuser. Nach 3 Kilometern immer noch schöne Bäume oder so.

Jetzt biegt es auch noch in die Straße ab, in die auch ich muss. Also weiter mit „Tempo“ 40 auf einer 70er Landstraße. Das nenne ich mal sportlich. Nach unten gedacht. Nochmal schöne Bäume gucken. Es wäre viel schöner, im Frühling hier langzugondeln, wenn das junge Grün sprießt. Aber leider ist Februar. Ein laaanger, düsterer Monat. Kalt, grau, sich zäh hinziehend und eine echte Herausforderung.

Dorfschild.Tempo 30. Es fährt 10. Jetzt fahr endlich du blöde Kuh!!! Kann doch nicht so schwer sein! Alle meine Mitstreiter sind irgendwohin abgebogen. Ich tuckere alleine einer wahrscheinlich urmelalten Dame in einem urmelalten Auto hinterher. Ich fasse es nicht! Jetzt fährt die im Kreisel auch noch da raus, wo es zum Schwimmbad geht! Wenn die gleich aussteigt, mache ich sie fertig! Wenn wir auf dem Parkplatz zu stehen kommen, kann die sich was anhören!

Sie steigt aus. Ich steige aus. Vorbei ist’s mit meinen kriegerischen Plänen. Wie Butter in der Sonne schmilzt mein kaltes Herz. Aus dem kleinen blauen Autochen steigt eine kleine alte, grauhaarige Dame aus. Rotes Mützchen, bunter Schal, blaue Kordhose, gelbe Gummistiefelchen. Alles so en miniature.

Ich bin augenblicklich fasziniert von ihrem herrlich freundlichen Gesicht. Hunderte Lebensfalten und –fältchen durchziehen ihre wunderschöne Aura. Sie lächelt mich an. Na gut, für heute lasse ich es noch mal gut sein.

20 Bahnen im Wasser später kommt sie in die Schwimmhalle geschneckt. Zwei runde Styroporplatten unter die Füße geschnallt, ein rechteckiger Styropor-Ponton auf dem Rücken. Sie sieht aus wie eine Schildkröte, die im Flamingo-Gang zum Becken stackst. Gespannt beobachte ich, wie sie sich an der Leiter zu Wasser lässt. Nicht um zu schwimmen, wie sich gleich rausstellen wird. Nein, um im Wasser zu laufen.

Alter! Gut dass es nicht meine Bahn ist.