Für 30 Tage und 63 Euro bin ich eine Zugreisende. Und ich habe Fragen:
Warum zieht er den Scheitel von weit hinten nach tief vorne in die Stirn, obwohl jeder sieht, dass er eine halbe Glatze hat? Warum steigt er erst nach 15 Minuten aus (der Zug hat 30 Minuten Zwischenhalt am Bahnsteig)? Warum trägt ein anderer seine Deoflasche spazieren und fährt damit 2 Stunden durch die Gegend? Wieso sitzt sie auf dem Boden und fasst sich ständig in den gewaltigen Schritt? Warum kräht dieses Blag eine Stunde lang: “Mama! Mama!! Mama!!!”? Wobei Mama direkt vor ihr sitzt. Warum sagt niemand etwas? Warum glotzt er mich an und denkt, ich merke es nicht. Ach so, stimmt, ich glotze ja auch. Warum werden vom Zugbegleiter mit Migrationshintergrund nur Frauen nach ihrem Ausweis gefragt? Warum sieht sie so verlottert aus, ihre Tochter ebenso? Wieso trägt Frau ihr T-Shirt hochgeschoben und präsentiert allen ihre minimum-5-Kg-Fettschürze?
Warum touched er den Rucksack des blinden Passagiers an und stellt ihn einfach mit den Worten um: “Ich stelle den mal hier hin”? Warum sagt der Blinde nichts und bedankt sich noch? Warum liegt an den Bahnhöfen so entsetzlich viel Dreck, und warum liegen direkt auf der Wiese hinter dem Bahnhof gefühlt alle Obdachlosen der Stadt und hören laut Musik?
Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Wie sagte mal ein kluger Freund? Wenn du mehr als 3 Arschlöcher siehst, brauchst du Hilfe.
Vielleicht schämt er sich für seine Halbglatze und hat einfach keine Lust, sofort auszusteigen. Der Deoflaschen-Mann hatte einfach keine Tasche dabei. Die Dame mit dem gewaltigen Schritt war vielleicht einfach ein bisschen asig oder hat nie gelernt, was Grenzen sind. Ihre nicht und die der anderen auch nicht. Die Smartphone-Mama mit dem Kräh-Kind könnte eventuell Hilfe brauchen. Sie wirkt so jung. Vielleicht hasst sie manchmal ihre Aufgabe und wünscht sich ihr Teenager-Universum zurück. Warum niemand etwas sagt? Weil wir entweder feige sind oder nicht in der Lage, unbequeme Wort höflich zu verpacken.
Ich bleibe auf jeden Fall bei meiner Meinung, dass ich keine Fettbäuche von fremden Frauen sehen möchte. Ich möchte im Übrigen auch keine Brustwarzen von fremden Männern sehen ... Die Tochter tut mir leid. Mama mit Bierdose, angeduselt, nicht in der Lage, sich und die Kleine vernünftig anzuziehen? Da steckt mehr Elend dahinter als ich hier wegmobben kann.
Wer mich wirklich trifft, ist der women-shaming-Zugbegleiter, der wahrscheinlich aus einem Kulturkreis kommt, in dem Frauen als minderwertig gelten. DEN würde ich nochmal nachschulen. Die dreckigen Bahnhöfe und die Obdachlosen auf den Rasen hinter den Höfen ... schade. Schade, dass es so ist. Schade, dass wir in einem Land leben, in dem wir nicht besser aufeinander achten, und es allen gleich gut geht.
Es ist knallhartes Menschentraining, in einem Zug zu sitzen. Knallhartes Training, den Pranger abzubauen und mal einen anderen Gedanken-Gang zu nehmen. Also, wenn ich mehr als 3 Arschlöcher sehe, was ist dann mit mir? Bin ich traurig, gehetzt, nervös, erschöpft, angespannt, überfordert? Mache ich mir Sorgen, fühle mich verlassen, alleingelassen? Mit allem, mit einem bisschen, mit irgendwas?
Die Menschen so lassen, wie sie sind, im richtigen Moment Grenzen setzen, weggucken, helfen, sein lassen, hingucken, helfen, empathisch sein, klar benennen. Das alles ist die große Klaviatur des Miteinander.
Und eins kann ich mir klar vorstellen, auch wenn er nicht klar "sieht". Wenn deine Augen nichts sehen, bist du vulnerabel, kannst dir keine Konfrontation leisten, bist du darauf angewiesen, dass dir nichts passiert, dass dir andere nichts tun. Weil du die Gefahr nicht sehen kannst. Woher ich das weiß? Ich weiß es gar nicht. Ich hatte nur zwei Augen-OPs und kann endlich wieder gut sehen. Der Typ mit dem Rucksack ist darauf angewiesen, dass wir ihm nichts tun. Also tut ihm nichts
Ssänk ju for making experiences, Deutsche Bahn. But ... ein Hoch auf mein Auto!
