Knolle liegt im Bett. Das gleißende Mondlicht tanzt in dünnen Steifen über ihre Bettdecke. Normalerweise freut sie sich über Vollmondnächte und Vollmondlicht. Sie weiß, dass in diesen ganz besonderen Nächten Klimperwimper zu Besuch kommt. In dieser Nacht aber fühlt sich ihr kleines Herz an, als würde es zusammengedrückt. Als würde jemand mit seiner kalten Hand das kleine puckernde Herz zusammendrücken und ihr keine Luft zum Atmen lassen. Eine Träne rollt über ihre Wange. Ihr ist kalt, sie friert.
Plötzlich nimmt sie flackerndes Licht und knisternde Geräusche war. Als würde jemand ein Lagerfeuer machen. Sie dreht den Kopf ins dunkle Zimmer und versucht herauszufinden, woher der Lichtschein kommt. Am anderen Ende des Raumes brennt ein kleines Lagerfeuer. Lustige Flammen tanzen hin und her, es knistert, kleine Funken steigen auf. Klimperwimper sitzt mit einer dicken Wolldecke ummantelt auf einem Hocker und hält einen Stock ins Feuer. Er lächelt zu ihr herüber.
Na kommt schon, wiehert er, oder soll ich das Stockbrot alleine machen? Knolle rutscht aus der Bettdecke und gleitet in ihre Hausschuhe. Dicke plüschige Hasen, von denen Opa immer sagt, das seien Uhus. Opas halt. Sie rennt zu Klimperwimper rüber und wirft sich ihm an den Hals. An seinen warmen, weichen, glatten Hals. Sie schluchzt, dicke heiße Tränen rollen über ihre Wangen. Na na, sagt Klimperwimper, das wird schon. Komm, ich zeig dir, wie man Stockbrot macht, und du erzählst mir, was passiert ist. Während er den dünnen Ast mit Hefeteig umwickelt, setzt Knolle sich neben ihn. Wie froh sie ist, dass er endlich da ist. Ihr wird warm.
Nun erzählt mal, sagt Klimperwimper, und reicht ihr ein Stück, heißes, duftendes Stockbrot. Pusten, du must pusten, sonst verbrennst du dir die Schnute. Sie muss lächeln.
Ich schäme mich, sagt Knolle. Wenn jemand ganz doll traurig ist, weiß ich nicht, was ich tun soll. Oskar hat doch seinen Hund verloren, und jetzt weint er ganz oft. Und bei Bibi ist die Oma gestorben, und sie weint auch ganz oft. Immer ist irgendjemand ganz doll traurig, nicht einfach nur ein bisschen, sondern so richtig feste traurig. Was soll ich nur tun?
Weißt du, sagt Klimperwimper, Trauer ist wie ein Teppich, auf dem wir alle gehen. Ein Teppicht hat irgendwo immer starke, ganz dicke bunte Muster, meistens in der Mitte. Irgendwo in der Ecke, rechts oder links oben sind bunte Fäden. Vielleicht Türkis oder Rose. Und am Ende hängen Fransen, dünne cremefarbene Fäden. Die kann man sogar glatt kämmen. Und jeder, der traurig ist, steht mal hier, mal dort auf diesem Teppich.
Wenn Oskar zum Beispiel ganz doll weint, steht er bestimmt in der Mitte des Teppichs. Da stehen meistens Mama und Papa neben ihm und trösten ihn. Sie nehmen in den Arm und halten ihn fest, solange er weint. Aber manchmal, da steht Oskar mehr am Rand und schaut traurig drein. Dann sieht er dich auf dem Teppich sitzen, wie du die Fäden kämmst. Darüber freut er sich. Er freut sich, dass er nicht alleine ist, dass da noch jemand ist. Nämlich du.
Wenn Bibi ganz arg traurig ist, dass ihre Oma nicht mehr da ist, dann ist da ihr Bruder Max, der direkt neben ihr steht und sie lieb anschaut und umarmt. Wenn Bibi dann rüberschaut, sieht sie dich, wie du vielleicht die dicken blauen Muster auf dem Teppich bewunderst. Sie kommt zu dir herüber, und gemeinsam staunt ihr über die Kreise, Farben und verschiedenen bunten Stellen auf dem Teppich. Bibi freut sich bestimmt, dass sie nicht alleine ist, sondern eine Freundin hat, die mit ihr auf diesem großen, bunten Teppich steht. Nämlich du.
So ist das mit der Trauer. Manchmal muss man einfach nur da sein. Das hilft schon, dass Oskar und Bibi und all die anderen, die traurig sind, sich nicht mehr alleine fühlen. Gut ist, wenn der Teppich nur groß genug ist und genügend Leute draufpassen. Mama, Papa, ein Bruder oder eine Schwester und eben eine ganz besondere Freundin, wie du. Wenn alle in der Mitte stehen würden, wäre es da viel zu voll. Bibi und Oskar würden vor lauter Menschen gar keine Luft mehr kriegen. Es ist gut, einfach nur da zu sein. Jeder an seiner Lieblingsstelle, an seinem Platz. Wenn du dir die Ecke mit den leuchtend türkisen Mustern aussuchst, ist es ein ganz wundervoller Platz. Wenn du lieber die zersausten Endenkämmst, sieht der schöne große Teppich immer ordentlich und frisch gekämmt aus. Dann haben alle Freude an diesem schönen großen Teppich mit den ordentlichen Fransen. Das ist das schöne an einem Teppich. Er ist bunt, es passen viele viele Leute drauf, und er ist oft so dick, dass niemand kalte Füße bekommt. Warme Füße sind wichtig, weißt du? Damit man sich wohlfühlt. Schau mal, meine Hufe ...
Knolle war plötzlich ganz müde. Sie gähnte, und ihr fielen die Augen zu. Klimperwimper nahm sie behutvoll auf seinen Rücken und trabte mit ihr zum Bett. Weißt du, meine kleine Knolle, sagte er, als er sie liebevoll zudeckte, ein großer bunter Teppich ist etwas ganz Wundervolles. Knolle seufzte. Morgen könnten wir zusammen Memory spielen, dachte sie noch. Bibi, Oskar und ich. Auf dem schönen, bunten, dicken Teppich.
(für Yanitsa)
