Ich lebe alleine. Und wenn ich alleine lebe tue ich dies, weil ich den kleinstmöglichen Stress mit Mitbewohnern, Mitmenschen, Mitgeräten ... jawoll Mitgeräten haben möchte. Ich will meine Ruhe. Hab' ich aber nicht.
Mein Hausschlüssel denkt, er ist ein Wanderbursche. Ab und an ist er dann eben auf Wanderschaft. Wohin er geht? Sagt er nicht. Wann er gedenkt, wiederzukommen? Schulterzucken. Immer laufe ich ihm hinterher. Ich wende meine ganze analytische Denkkapazität auf, um ihn zu finden. Und das wird mit steigendem Alter und steigender Wechseljahrsfrequenz immer herausfordernder. Um es mal milde auszudrücken. Aber er hört nicht auf damit. Egal wie oft ich verwirrt umherlaufe und ihn suche. Dieser kleine Bursche. Ich habe ihn schonmal zur Adoption freigegeben und mir einen neuen ins Haus geholt. Das ändert nichs. Die sind alle so! Also von ihrer naturgemäßen Persönlichkeit, von dem was sie quasi von "zu Hause aus" mitbringen sind es Wanderburschen. Nicht einfach kühle, silberglänzende, furznormale Hausschlüssel. Wo kämen wir denn da hin? Wenn ein Schlüssel nur so ein dahergelaufenes, hässliches, kleines rein zweckdienliches Dingelchen wäre. "What, sach ma' ... spinnst wohl?!" schreit's da aus meinem Schlüsselkästchen und weg isser ...
Noch so'n Kandidat, mein schnuckeliges kleines Netbookchen. So klein und schon Computer. Dieses raffinierte Technikwunder, auf dem ich hin und wieder einen Text schreibe. Sagen wir besser, versuche zu schreiben. Wenn dieses kleine, durchtriebene Kästchen nicht so oft machen würde, was es wollte. Es scheint in der Pubertät zu sein. "Ich dir den Text formatieren, wie du es willst? Tickst wohl ... was wolltest du noch mal? Ich formatiere mal eben ... baue um ... räume nicht auf ... ach mir doch egal. Wenn ich dir heute überhaupt eine blanke Seite zur Verfügung stelle kannste aber mal dankbar sein und mich auch mal liebhaben ... immer bin ich schuld. Könntest mir ja auch mal 'nen Speicherriegel mitbringen".
Oder das kleine schwarze Kästchen macht auf alt und gebrechlich: "Oooch, hochfahren ... jetzt schon? ... scheuch' mich doch nicht so ... ja, mal halblang ... hetz mich nicht ... stöhn, stöhn! ... anstrengend ... ich lag gerade so gut ... ausruhen ... rödel, rödel, rödel ... pust, pust ... krieg keine Luft mehr ... ooch nee, heute nicht ... man, meine müden alten Platinen, nimm mal Rücksicht, heute ist Ruhet... ssssst." Aus!
Was soll ich sagen? Mir fällt nichts mehr ein. Es geht ja auch nicht mehr um's Reden, es geht um's Beugen. Ich beuge mich. Ich beuge mich vor dem Eigenleben meines Netbooks. Ich gestehe, dass die Formulierung "Leben" an dieser Stelle ein wenig seltsam daherkommt.
Noch ein Mitbewohner gefällig? Okay, mein Handy! Vielmehr der Touchscreen, neumodischer Schnickschnack. Genauso verhält sich dieses kleine Monster auch. "Ich eine Sonne in whatsapp versenden? Hä hä, heute ist mir mehr nach Pandabär. ??? Pandabär! Entweder hat dieses kleine Scheißerchen ein Eigenleben oder meine Finger mutieren ständig zu Wurstgriffeln, die die kleinen Bildchen nicht richtig treffen. Ich tendiere zum Eigenleben. Mein kleines Scheißerhandychen lebt. Die Geschwindigkeit, mit der es Buttons öffnet oder schließt hängt ausschließlich davon ab, ob Monsieur Huawei es zupass kommt, gnädig den Button heute noch öffnen zu WOLLEN. Und das bitte in seinem eigenen Tempo. Wo kämen wir denn da hin, wenn der Mensch die Maschine beherrschte?
Und Steckdosen. Normalerweise verrichten sie so ganz im Stillen und unscheinbar ihren Dienst. Ganz wie es der Hausfrau beliebt, bieten sie kontinuierlich und schnell ihre Dienste an. Ich kann sie anzapfen, wann immer ich sie brauche. Total bedürfnisorientierte kleine Dinger, die nicht viel aufmucken. Bis auf eine! Diese kleine Dose in der Mitte der Steckerleiste, die so aussieht wie alle anderen. Die will nicht so wie ich will. Die will auch nicht was der Wasserkocher von ihr will. Saft, Strom, Energie? Da wird aber gestreikt: "Vergiss' es, du kriegst hier gar nichts, wenn du mich allzu penetrant nervst. Bitte sehr, schalte ich mal eben das ganze System in der Wohnung aus. Kannste mal sehen, waste davon hast. Also schleich dich, nerv mich nicht!" Biete ich ihr vorsichtig den Toaster an oder schalte zaghaft die Küchenlampe an, ist sie milde gestimmt. Die kleine Dose. Dann schenkt sie mir Aufmerksamkeit durch Energie. Der Wasserkoche, der alte verkalkte Pott muss an eine andere Zapfsäule, um aufzublühen und seiner Bestimmung nachzukommen.
Spülmaschine. Kennen Se, ne? Geschirr rein, Salz, Tabs und Klarspüler, Ökotaste und ab geht die Post.
Bei mir ist das ein bisschen anders. Meine Bosch ist wie ein altes hustendes, rumpelndes, stotterndes lahmes Waschweib. Während sie läuft könnte ich losfahren und mir ein komplett neues, sauberes Geschirr kaufen. Wäre bestimmt auf Dauer die günstigere Variante. Spart Wasser und Energie. Manchmal tut die alte Dame auch nur so, als würde sie spülen. In Wahrheit hat sie vergessen, das Spülmittel und Klarsalz zu benutzen. Dann wäscht sie eben nur mit kalt Wasser. Mir überlässt sie die Restarbeit. Nachpolieren bis die Hände schmerzen.
Also, hier macht jeder was er will. Und ich mach mit. Unterwerfen? Kommt für mich nicht in Frage. So schnell gebe ich nicht auf!