Mittwoch, 17. Februar 2016

Fastenzeit


8. Tag

Liebe Göttin,

6 Zigaretten und 1 Simse später denke ich ernsthaft darüber nach, ob das mit Dir ein riesen Fake ist. Von langer Männerhand gestrickt, um uns Menschen zu beruhigen. Wo wir doch alle so Angst davor haben, ins Nichts zu gehen. Bei gleichzeitigem Zerfall und Wurmzerfraß durch lebendige Organismen.

Wobei ... ich bin nicht sicher, ob ich dir positiv oder negativ gegenüberstehe. Aber immerhin schreibe ich Dir. Also scheinst Du mir irgendwie wichtig zu sein. Ich habe nur keine Lust mehr, immer dieses alte Mantra "Lieber Gott" herunterzubeten. Wer sagt denn, dass Du lieb bist? Wer sagt denn, dass Du Gott bist? Das waren doch wohl eher die Männer. Am Anfang war es gut. Dein Sohn ging, und ihm folgten Männer, die an ihn glaubten. Aber was draus geworden ist, müsste Dich doch eigentlich im Grabe umdrehen lassen. Oder wo immer Du auch bist.

Ablasshandel, Gold gegen Himmelsversprechungen, Machtgehabe, Herrscherei, Gutmenschtum, Gier und Menschenmissbrauch.

Soziale Projekte, Hoffnung, Gebete, die mich weitertragen, ein unerschütterlicher Glaube, dass ich ein spirituelle Wesen bin, dass auf der Erde menschliche Erfahrungen macht. Eine Weltgemeinschaft.

Hin und Her und hin und her. Ich nenne Dich ab jetzt Göttin und gebe Dir mein Geschlecht. Mal sehen, wie das bei mir ankommt. Fühlt ja eher komisch an. Aber die Chance, dass Du weiblich bist stehen 50 : 50. Frauenquote!

Ich liebe diesen Mann. Aber ich habe meinen Stolz und das Vertrauen zu ihm verloren. Ich will nicht mehr. So will ich nicht mehr. Es kam ein Zeichen von ihm. Aber ich will nicht mehr. Kaputtgehen würde ich, wenn wir so weitermachten. Ich wünsche mir einen Mann, bei dem ich tiefes Vertrauen fühle. Ich wünsche mir einen Mann, der mir meinen Stolz schenkt? lässt? zurückgibt? wiederspiegelt? Ich finde das richtige Verb nicht. Es geht um Stolz. Nicht den übertriebenen, den gesunden. Der Stolz, der zu meinem Frau-Sein gehört. Der Stolz, den jemand empfindet, wenn er mich anschaut, weil ich mich selber mit Stolz betrachte.
In dem Wort Stolz vereint sich alles an guten Eigenschaften, was ein Mensch braucht: Respekt, Liebe, Vertrauen, Achtung, Würde, Ja-Sagen, Freude, Hingebung, Ich-Sein.


"Manchmal findest du in der Bedrängnis größeren Gewinn als in Fasten und Gebet. Bedrängnisse sind Teppiche voller Gaben" 

(Ibn Ata Allah, 1259 - 1310, Sufi-Imam)

Er hieß mit vollem Namen Taj al-Din Abu'l Fadl Ahmad ibn Muhammad ibn 'Abd al-Karim ibn Ata Allah al-Iskandari al-Shadhili. 77 Buchstaben!