Freitag, 18. März 2016

Fastenzeit

36. Tag

Liebe Göttin,

ich weiß jetzt, was du von mir willst. Ich soll den nicht lieben, für den ich nicht wertvoll bin. Ich soll erwachsen sein. Du vertraust mir und mutest mir zu, dass ich einen Abschied durchleben kann, wenn es sinnvoll ist. Du möchtest mir Lösungsmöglichkeiten anbieten. Zwei hast du mir gestern gegeben: Lösung a) Ich verhalte mich wie eine 4-jährige, die alleine gelassen wird. Ich bin wieder im Trauma von damals. Alles ist kalt. Und es gibt nur dieses eine Drama. Keiner ist für mich da. Ich werde nur geduldet, aber nicht geliebt. Im Gegenteil, ich soll lieben und der Glanz für Andere sein. Ich soll sie erheben, ihnen alles hinterhertragen, mich anbieten und dabei nicht da sein dürfen.

Lösung b) Ich bin erwachsen. Er sieht gar nicht, wie schön ich bin. Aber ich kann es wieder sehen. Und spüren. Ich bin durch den Abschiedsprozess gegangen und war ganz bei mir. Es tat weh, all' die schönen Dinge so schmerzlich zu betrauern, die ich so vermisse. Aber ich war bei mir. Du sagst, ich kann das tragen. Es ist wichtig, Abschied zu nehmen. Mutig zu sein, etwas hinter mir zu lassen, das mir wehtut. Du zeigst mir, dass ich wertvoll bin, gefühlvoll. Ein Mensch, den andere gerne um sich haben, mit dem sie gerne zusammen sein mögen. Ein Mensch, den ich mag und sehr vorsichtig behandle. Wie ein kostbares Gut. Du lässt mich fühlen, dass die Hoffnung wieder vor mir herumhüpft. Die Hoffnung auf Frühling, etwas Neues, ein spannendes, ruhigeres Leben. Und vielleicht wartet am Ende ja der Mann, der gefühlvoll ist, mich anlächelt und in dessen Augen ich sehe: "Das ist sie. Die Frau, die ich liebe. Ihr schenke ich Vertrauen, Achtung, Respekt, Wärme, Fürsorge, Liebe, Lachen, Freude, Gefühle, Ehrlichkeit. Mit ihr will ich das Leben erleben. Sie ist so schön".


"Ich habe heute Lust auf mich"

(Anke Maggauer-Kirsche, geb. 1948, deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und ehemalige Betagtenbetreuerin in der Schweiz)



P. S.: Der Gentleman möge bitte frisch gewaschene Füße, guten Atem und eine aufrechte Haltung mitbringen, wenn er neben mir zu Sitzen kommen möchte.