Sonntag, 1. März 2020
Ich muss hingucken - Zwei
Kennst du das Gefühl, wenn du im Schwimmbad im Damenduschraum stehst und sich dort nackte Damen tummeln, neben der Dusche schrubbeln, also abschrubbeln mit Rubbelhandtuch über den Rücken? Wenn du nicht weggucken kannst? Dich dabei aber blöd fühlst und dir durch den Kopf geht: "Man, ich will nicht mit fremden nackten Menschen, die mir nicht gefallen unter einer Dusche stehen!!!!!"
Das war, bevor ich ins Becken sprang.
500 Meter, eine halbe Stunde Spaß im Wasserstrudel, eine Wassermassage im Außenbecken und wohliges Rumdümplen im Sole-Außenbecken später schiebe ich die quietschende Tür zur Damendusche auf. Oh man, denke ich, da hinten stehen schon wieder zwei nackte Weiber. Puh! Echt. Das stresst mich. Eine steht links an der langen Duschreihe, eine irgendwo versteckt rechts in der kleinen abgetrennten Viererkabine. Wieso ich nach rechts rüberlaufe, wo es quasi kein Entkommen gibt, weiß ich nicht. Ich vermute, ich war neugierig. Die beiden haben sich unterhalten und irgendwie fand ich die lustig. Beide älter, so um die 80, beide moppelig. Also bin ich rüber in die Ecke für Gschamige. Innerlich noch so: "Ich ziehe mich nicht aus. Meine Klamotten bleiben an". Ich stehe also mit dem Gesicht zur Dusche und versuche Schampoo, Duschgel, Gesicht, Haare, Achseln und Intimbereich irgendwie dezent unauffällig zu waschen, ohne dass die Dame hinter mir denkt: "Die rubbelt aber an sich rum, wahrscheihnlich extra". DEN Eindruck will ich auf keinen Fall erwecken! Ich drehe mich so tüdelü um, sollte ja nicht auffallen und schaue mal kurz über die Schulter. Soll ja niiiicht auffallen. Erster kurzer Eindruck: Tolle Frau! Wow, wo kommt das plötzlich her? Ich drehe mich wieder um, Gesicht zur Dusche und krempel mir ruckartig die Buxe und das Bikini-Topp vom Leib. Tada! Ich auch nackt. Ich habe keine Ahnung, warum ich das tue. Irgendwie gefällt mir, was ich da mache. Aufmal bin ich entspannt. Ich wasche mich, obenrum, ganz oben rum, unten rum, völlig frei und ungeniert. Nicht obszön aber eben frei und ungeniert. Ich drehe mich um, das heiße Wasser strömt meinen Rücken hinunter. Dabei beobachte ich ein bisschen die Frau von Gegenüber. Kennst du das, wenn du verstohlen beobachten willst, ohne aufzufallen und dabei wie ein Vollpfosten wirkst? Sie ist rund, hat einen großen Busen, füllige Arme und Beine, einen dicken Bauch und ein sehr, sehr hübsches Gesicht. Blaue Augen strahlen mich an, sie hat weißes welliges Haar, kurz geschnitten. Ich mag ihren Körper. Ich mag ihre Ausstrahlung. So möchte ich mich immer fühlen, wenn ich darüber stolpere, dass mein Busen in eine Richtung zieht, die gegenüber von oben ist, meine Vulva optisch mehr und mehr ein Rätsel für mich darstellt. Ich weiß nicht, ob ich sie noch mögen möchte.
Ich frage Sie: "Kommen Sie oft hierher?" Die weiße runde Dame antwortet: "Wir kommen aus Münster und freuen uns, dass hier immer eine Bahn frei ist. Wir sind nämlich schon 80. Wir fahren schon seit vielen Jahren zusammen hierhin". Hach, was schön, die beiden gefallen mir. Wir plaudern ein bisschen im heißen Nebel so hin und her. Die Dame von unter der Dusche im Vorderraum kommt jetzt auch dazu. Die beiden lachen echt viel miteinander. Das gefällt mir alles. Da gucke ich gerne hin. Ich versöhne mich kurz mit meinem Körper, mit meinem Stolpern über das Älterwerden und mit dem ewigen Nachdenken darüber, was schön bedeutet. Mein Kopf sagte oft: "Schön ist das, was andere sagen. Toller Busen, tolle Haut, knackiger Po, jugendliche Kraft und Ausstrahlung". Aber was bedeutet MIR schön zu sein? Mein Herz hat heute gespürt, dass Schönheit für mich Ausstrahlung bedeutet. Der ganze Mensch. Ich empfinde den ganzen Menschen. Ich empfinde mich als ganzen Menschen. So! Da geht die Reise hin. Nur weil mein Busen gerne nach unten möchte, meine Schamlippen ebenfalls nörgeln "Nö, in Stramm gibt's uns nicht mehr" heißt das doch noch lange nicht, dass ich nicht schön bin. Ich mich nicht schön fühlen kann. Es kann doch nicht sein, dass Männer, die besser gucken als denken können und Heidi Dumm-Klum festlegen, ob ich schön oder nicht schön bin. Die beiden hier heute sind schön. Richtig schöne Frauen. Und ich bin es auch. Auf dem Parkplatz sehen wir uns nochmal, winken uns zu und fahren.