Montag, 15. Juni 2015

Unerhört - 1. Tag

Die Sonne scheint milde in ihr Gesicht. Vögel zwitschern leichtfertig ihre unbekümmerten Sommerliedchen. Unbekümmert ist sie nicht. Eher aufgeregt, ihr Herz klopft, Tränen laufen über ihre Wangen. Sie will zu ihm, muss wissen, ob wenigstens die Beziehung noch da ist. Sie spürt, wie kleine Messerchen unter ihrer Haut stechen. Gleichzeitig legt sich ein Bleimantel auf ihre Arme. Plötzlich wird sie vom Rad gerissen. Kopfüber stürzt sie auf die Straße. Stimmen schreien grell, fast hysterisch durcheinander: "Unerhört! Wie kannst du es wagen. Das gehört sich nicht. Du bist so eine schlechte Mutter, du musst ein Vorbild sein. Was ist so schlecht am Funktionieren? Meinst du, bei uns war damals alles Zuckerschlecken? Wo kämen wir denn da hin? Um dich muss man sich nur Sorgen machen. Du wirst sterben, sterben wirst du. Du gehst tot. Tot, tot, tot! Nichts ist mehr da, wenn du das tust. Du wirst allein sein, elendig allein. Es wird dunkel werden und kalt. Du wirst verhungern. Elendig und einsam sterben!" In ihrem Kopf dröhnt es, die Stimmen schwellen an und schwellen wieder ab. Hohe Stimmen, grell und messescharf. Eine dunkle Stimme mischt sich dazu, tief und polterig. Wie aus dem Dunkel der Erde. 

Sie radelt immer noch. Die Sonne streichelt ihre Haut, Vögel formieren sich wie zu einem leisen Orchester. "Ich bin Birgitta. Ich bin 47 Jahre alt - noch. Ich fahre gerade durch's Industriegebiet. Ich bin sicher. Mir kann nichts passieren. Alles ist gut". Diese Stimme fühlt sich ganz leise an, fast wie ein Hauch, zart wie Babyflaum und ganz neu. Federleicht, als könnte sie weggepustet werden, allein dadurch, dass man ihr lauscht.

Das war meine Situation heute Morgen. Nach fast 6 Monaten Auszeit durch ein sogenanntes Burn-Out bin ich heute zum ersten Mal wieder zur Arbeit geradelt. Angekommen bin ich dort aber nicht. Ich bin umgedreht auf der Hälfte des Weges. Ich will das nicht mehr. Ich kann das nicht mehr. Obwohl, gekonnt hätte ich es. Aber um welchen Preis? Aushalten, Durchhalten, wie ich es schon so oft in meinen Leben getan habe? Ich habe einen Job, den ich hasse. Ich hasse ihn, seit ich ihn ausübe. Und das sind immerhin schon 30 Jahre. Er hat mich nie wirklich interessiert. Für mich habe ich ihn nicht ausgesucht. Nur für meine Eltern. Ich wollte brav sein, angepasst ... damit sie mich mögen. Und jetzt mag ich nicht mehr. Ich habe viele Krankheiten durch auf meinem Weg bis Heute. Krebs, Bandscheibenvorfall, Depressionen, Suizidgefahr, Burn-Out. Und der neueste Clou: Halswirbelsäule kaputt. 
Mein Rücken sprach heute auf dem Weg zur Wiedereingliederung an der Uni Münster zu mir: "Was muss noch passieren, dass du aufhörst, brav zu sein. Muss ich nochmal zusammenbrechen, und diesmal oben? Dass du deine Arme noch weniger bewegen kannst, als es jetzt schon der Fall ist. So ein bisschen piesacke ich dich doch schon. Reicht das nicht? Wie gehst du mit mir um? Hör mir mal zu!
Am Aasee ist es dann passiert. Ich bin umgedreht und nach Hause gefahren. ICH WILL NICHT MEHR BRAV SEIN NUR DAMIT ES EUCH GUT GEHT!

Wie es weiter geht?