Freitag, 19. Juni 2015

Unerhört! - Tag 5

Jawoll, Tag 5. Tag 4 habe ich vergessen. Aus privaten Gründen. Aus geburtstäglichen Gründen. Kleine Rechenaufgabe. Wenn Person X am 4. Tag nach dem Start ihres Projektes -1 Jahr jünger ist als am 5. Tag nach Projektstart, wie alt ist sie dann, wenn sie am 127. Tag nach Projektstart 48 Jahre alt ist? 

So, und nun voll hinein in mein Angsttagebuch. Meine Tastatur macht gerade nicht so richtig mit, mein Nettbookchen hängt sich ständig auf. Muss wohl an dem Wort Angst liegen. Okay, ich fange noch mal an.

So, und nun voll hinein in mein neues, spannendes Abenteuer. Ich komme mir ein wenig komisch vor, während ich hier wie "der arme Poet" auf meinem Küchensofa sitze, Schlag 12, im Schlafanzug, Zähne ungeputzt, aber schon Kaffee intus. Eine leise Stimme kriecht mir über den hinteren Rücken, schleicht sich Richtung rechtes Ohr und wispert kaum hörbar: "Es könnte sich ungefähr so anfühlen, wenn man Schriftsteller ist. Kein Recht auf das Dasein als Tunichtgut, Angst im Bauch, dem lieben Gott die Zeit stehlen, während rechtschaffene Menschen arbeiten gehen. Lost in space. Ist es das was du willst?"
Ach, isch weißet doch ooch nich, ej. Ich weiß, dass ich mich fühle wie in einem Geburtskanal. Zurück geht nicht mehr und nach vorne. What? Wie soll ich datt denn machen?! Kann mir mal jemand Schubkraft verleihen. Ich muss da durch, ich muss da raus, aber ICH WEISS NOCH GAR NICHT WAS DA KOMMT!!!! Das ist wie Springen in kaltes Wasser. Du weißt, dass du schwimmen kannst, aber du weißt nicht, wie tief das Wasser ist, wie kalt, wie weit entfernt das Ufer, wie deine Kräfte mitspielen, ob da jemand ist, der dir hilft, wenn du nicht mehr kannst, ob da jemand am Ufer auf dich wartet, ob da Schlingen am Boden sind, die sich um deine Beine wickeln wollen und sich einfach nur eklig anfühlen, ob du überhaupt Bock hast, so weit zu schwimmen, und wie weit du schwimmen musst, um da anzukommen, wo du hinwillst, und wo du überhaupt hinwillst, und ob du Fisch oder Fleisch bist. Oh Mann, das ist so Kacke gerade!
Ein bisschen hilft mir gerade mein Halswirbel. Er ist der "Kumpel", der mir gerade sagt: "Ich bin echt, ich bin rausgesprungen, deswegen sind deine Hände manchmal taub. Ich bin der Grund dafür, dass du aufhören darfst, ständig im Büro auf einem Stuhl sitzen zu müssen".
Ich mache gerade in der Mitte meines Lebens eine Phase durch, die vielleicht junge Leute mit 17, 18 Jahren erleben. Die ich aber nie erleben durfte. Was für Menschen aus halbwegs normalen oder halbwegs gesunden oder halbweg liebevollen Familien normal ist, scheint für mich nicht zu gelten. Weil, ich kenne es nicht. Ich weiß nicht, wie es ist, etwas zu dürfen, was man möchte. Sich einen Wunsch zu erfüllen, sich einen Beruf auszusuchen, der einem Spaß machen könnte. Sie seine Bedürfnisse erfüllen. Sich etwas erlauben, egoistisch sein, sich abgrenzen gegen die Meinungen und Erwartungen anderer. Mein Bauch und mein Kopf sind voll mit "Du darfst nicht, das gibt es nicht, das ist nicht erlaubt, unerhört, wo kämen wir denn da hin, jetzt spinnst du total, du gehst ins Büro, da hast du es warm und trocken, du wirst dann eh' irgendwann geheiratet"?!

Wenn ich für mich sorge, bedeutet das Kampf. Kampf gegen die alten Stimmen, die nicht einmal meine sind. Und Angst. Angst davor, alles zu verlieren. Klingt diffus? Fühlt sich auch so an.

Wie es weitergeht? Zähneputzen ...