15. Tag
5 Zigaretten und keine SMS, keine Mail, nullkommanichts später
Good morning, good morning, good morning to you, good morning, good morning, good morning, how are you, my dear lady God? Flöt, träller ...
Wie du siehst geht es mir gut. Heute morgen bin ich das erste Mal seit langer Zeit aufgewacht und fühlte mich glücklich. Das gibt's doch gar nicht. Wie lange schon wachte ich morgens, ach was sage ich da, mittags oder nachmittags auf und war zutiefst melancholisch, unglücklich. Mo na te lang!
So langsam dämmert mir, das mein Fasten hier eher ein Fasten von einem zu intensiven Beschäftigen mit der Beziehung ist. In meinem Fall muss ich mich korrigieren, es ist ja gar keine Beziehung mehr. Aber generell geht es für mich darum, die ganze Palette des Lebens in die Hand zu nehmen, die Farben zu mischen und drauflos zu klecksen. Zack, Farbe auf die Leinwand. Und zwar viel und bunt und groß und mit Freude! Ich bin keine Stalkerin, falls ihr das aus meinen Posts herausgelesen habt. Aber ich bin eine Frau, die sowohl in der Beziehung als auch in den Zeiten der Trennung fast jeden Gedanken in die Beziehung investiert hat. Da gab es kaum Eigenleben. Das war Co-Abhängigkeit in Reinform. Wisst ihr, was Co-Abhängigkeit ist. Wenn man für den Anderen tut, was er selber tun kann. Wenn man nur in Beziehung denkt und nicht an sich. Wenn man sich aufgibt für eine Sache oder einen Menschen. Ganz falsch, ganz bitter, ganz traurig. Und irgendwie auch gefährlich. Gefährlich deshalb weil ich tatsächlich glaube, dass es eine Grenze gibt, hinter der manch einer oder eine nicht mehr zurückfindet in sein oder ihr Leben und dann aufgibt, wenn die Beziehung zerbricht. Aber wie soll man auch zurückfinden in etwas Eigenes, wenn man das Eigene in die Wüste geschickt hat. Deswegen ist es ganz wichtig, die eigene Leinwand zu bepinseln. Und sie niemals weghängen. Wenn alles zusammenbricht, kann man darauf weiterpinseln, weitergestalten!
Ich bin mit ihm zusammengekommen, weil er mir leidtat. Weil er mir so viel Ödes und Trauriges aus seinem Leben erzählt hat. Weil er mich so gelobt und bewundert hat dafür, dass bei mir so viel Lebendigkeit war. Er tat mir leid. Ich wollte ihm helfen. Ihm das Leben bringen, den Spaß, die Kultur, die Hobbys, die Menschen, die Liebe. Ich, die weit jüngere Frau an seiner Seite, wollte ihn zum Glänzen bringen. Ich fühlte mich gebauchpinselt, das kann ich euch sagen. Wie jung und agil wirkte ich doch neben ihm! Ich bin wie der Nikolaus für andere Menschen. Ich bringe Geschenke, auch wenn ich unter der Last des Tragens zusammenbreche. Aber auch er sponn seine seltsamen Fäden, in denen ich mehr und mehr gefangen war. Sie waren gespickt mit Komplimenten, Liebesbekundungen, nach denen ich so eine große Sehnsucht hatte. Aber wirklich nahe kommen durfte ich nicht. Ich wurde abgelehnt aber mit Liebeshäppchen bei Laune gehalten. Ich war wie ein verhungertes Tier, das die Brocken gierig frisst und die Gefangenschaft dafür in Kauf nimmt.
Die Parallelen zu meinem Vater wurden immer offensichtlicher. Plötzlich fühlte es sich an, als müsste ich erneut durch die Hölle. Um die Aufgabe zu lösen. Um eine Erkenntnis über mich zu gewinnen, die mich mir selber näher bringen würde. Eine Erkenntnis, die meine Grundfesten über die Liebe erschüttern und gleichzeitig neu aufbauen würden. Die Erschütterung ist noch nicht total abgeebt. Aber ich beginne zu spüren, dass die Sonne wieder aufgeht, dass da ein Pflänzchen wächst. Dass ein leiser Hauch weht, der Zukunft heißt. Ich bin bei mir, das erste Mal in meinem Leben bin ich bei mir. In Liebe.
P. S.: Zwei Sachen, die mir ganz wichtig sind. Ich habe - trotzdem er mir nicht das geben konnte, was ich brauchte - meinen Vater sehr geliebt. Er war ein Kriegskind. Er hat sein Bestes gegeben. Es war nicht alles schlecht.
Und ... ich war gestern beim Improtheater-Training. Daher meine gute Laune. Es hat so viel Spaß gemacht, herumzualbern und Theater zu spielen. Ich danke dir, my lady God, dass ich dorthin gefahren bin. Und Zack! Wieder ein Klecks auf der Leinwand.
P. S.: Zwei Sachen, die mir ganz wichtig sind. Ich habe - trotzdem er mir nicht das geben konnte, was ich brauchte - meinen Vater sehr geliebt. Er war ein Kriegskind. Er hat sein Bestes gegeben. Es war nicht alles schlecht.
Und ... ich war gestern beim Improtheater-Training. Daher meine gute Laune. Es hat so viel Spaß gemacht, herumzualbern und Theater zu spielen. Ich danke dir, my lady God, dass ich dorthin gefahren bin. Und Zack! Wieder ein Klecks auf der Leinwand.
"... Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr bewegliche Flügel, hebt sie empor und lässt sie über himmlische Dinge nachdenken."
(Johannes Chrysostomos, 347 - 407, Erzbischof von Konstantinopel, eigentl. Johannes von Antiochia, gilt als einer der größten christlichen Prediger)