19. Tag
6 Zigaretten und eine Mail später
Liebe Gott,
was soll ich dir berichten? Es kommt mir vor, als sei ich in einer Endlosschleife gefangen. Ich habe wieder mal eine Mail geschrieben, weil ich von ihm wissen wollte, warum in Herrgotts Namen ('tschuldige) er sich nicht meldet. Seine Leitung zu mir ist komplett tot. Letzte Woche lag noch eine rote Rose vor der Tür, und danach die totale Funktstille.
Ich werde müde. Müde, ewig wieder von Neuem zu erzählen, warum und wie oft ich scheitere. In Wahrheit ist es doch gar kein Scheitern. In Wahrheit ist es ein Trauerprozess, den ich durchlebe. Und jeder Mensch, der trauert, macht es auf seine Art. Und alle stümpern und stochern irgendwie damit herum. Perfekt gibt es nicht. Gut getrauert, gibt es nicht. Im Trauern sind wir alle klein, erbärmlich und hilflos, ohnmächtig und sicher keine Helden.
Was heißt Fasten also noch? Loslassen von Demselbigen und einfach seinen kleinen, dummen, schönen Alltag leben. Dazu gibt es eine Ansage, die ich auf Facebook gelesen habe: "Stell dir vor, am nächsten Tag wirst du nur die Dinge wiederbekommen, für die du dich heute bedankst." Das nenne ich mal eine coole Idee. Was soll ich euch sagen. Gestern radelte ich zum Flohmarkt, es war schweinekalt draußen und ich bin zurzeit ziemlich erkältet. Ich musste nachdem ich etwas käuflich erworben hatte und es nach Hause getragen hatte, feststellen, dass es kaputt war. Also, wieder rauf auf's Rad, umgedreht und noch mal die ganze kalte, windige Strecke abgeradelt.
Ich danke dir für die Sonne und den kalten Wind, ohne den ich nicht spüren würde, dass Winter ist. Danke für den Winter, ohne den es ja keine Ruhephase in der Natur ergo keinen Frühling ergo keinen Sommer undsoweiterundsoweiter geben würde. Danke für die Viren, die gerade meinen Körper heimsuchen. Ohnen die wüsste mein Immunsystem ja gar nicht mehr, wofür es überhaupt da ist. Danke für mein Fahrrad, das brauche ich morgen noch. Ich habe nämlich kein Auto. Ach ja, und ganz wichtig: Danke für mein Geld. Puh, gerade noch dran gedacht. Danke für die netten Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, die mich angelächelt haben. Das hätte ich auch morgen gerne wieder. Danke für den Kaffee, den ich auf dem "Flohmi" getrunken habe. Ich liebe Kaffee! Ein Leben ohne ihn? Unvorstellbar. Und danke für den Hefezopf dazu. Was wäre eine Kaffeenachmittag ohne leckere Beigabe? Genau! Danke für das Wasser, das ich heute getrunken habe. Gäbe es das nicht mehr ... nicht auszudenken. Hätte ich ja noch mehr Falten als ohnehin schon. Danke für mein große, warmes, weiches Bett. Auf dem harten Boden schlafen wäre mir dann doch zu unbequem. Danke auch für die Nacht. Die hätte ich bitte auch morgen gerne wieder. Denn ohne Nacht wäre es immer Tag, immer hell, immer Motor an, immer Vollgas, immer Action, immer Wachstum, immer Draußenzeit, eine Überschussproduktion an Serotonin (obwohl ... nie Depressionen wäre auch irgendwie cool). DAS wäre mir zu anstrengend. Eine Auszeit, einmal Dunkelheit, einmal die Augen schließen und ruhen und die Seele baumeln lassen. Und Danke, dass ich Danke sagen kann. Denn ohne dieses Wörtchen wäre ich eine verbitterte, frustrierte und gänzlich hoffnungslose Misanthropin.
Indianer fasten übrigens auch. Sie versetzen sich durch Fasten in eine Art Trance, um Visionen zu bekommen. In der indianischen Kultur, ist die Deutung von Träumen von großer Wichtigkeit. Es wird kein Unterschied in der Wichtigkeit gemacht, was Traum und reales Leben angeht. Durch das Fasten glauben Indianer, bedeutende oder auch verborgene Dinge zu sehen, die ihr weiteres Leben bestimmen.
"Ich weiß noch nicht, worauf ich in der nächsten Fastenzeit verzichten werde. Vermutlich werden es Weltraumspaziergänge sein." (Quelle unbekannt)
P. S.: Ist Schweinen kalt?
P. S.: Ist Schweinen kalt?