Montag, 21. März 2016
Fastenzeit
39. Tag
Hallo Göttin,
ich bin müde, kaputt, weiß nicht so recht, was ich schreiben soll. Die Fastenzeit geht zu Ende, und ich denke schon über ein Resümee nach. Sollte ich wohl nicht, denn bis Samstag habe ich noch ein paar Tage vor mir. Eins fällt mir jetzt schon auf. Ich hatte dir am Anfang gesagt, dass ich dich 40 Tage lang zutexten wollte. Das ist mir gut gelungen. Nur wollte ich mich eigentlich viel mehr mit der Frage nach dem Glauben an dich beschäftigen. Weniger mit dem Trennungsschmerz, den ich durchlebe. Aber wie das so ist, mit dem Zurückschauen. Es nützt nichts. Hätte, wäre, könnte, wollte ... das ist alles Blödsinn. Man macht es immer so, wie man es macht. Hätte ich es anders machen können, hätte ich es getan. So einfach ist das.
Meine Haare sind jetzt blau. Ich halte es mit Konrad Adenauer: "Was kümmert mich mein Geschätz von gestern". Bei einer Trennung von einem Mann verlangt es ja bei den Frauen, dass man sich die Haare abschneidet, seinen Typen verändert. Aber mal ganz ehrlich. Vom Typen "Junge Frau" zum Typen "Frau in den Wechseljahren", das hat mir genau einen Tag lang gefallen. Ich habe keine Lust auf Grau. Grau ist fad, öde, alt, verstaubt, aufgebraucht. Ich möchte auch nicht mehr blond sein. Ich habe keine Lust auszusehen, wie eine 48-jährige, die auf 17 macht. Also musste was ganz Neues her. Blau! Blau ist auffallen, rebellisch, punkig. Mit Blau verbinde ich "ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken". Damit meine ich nicht euch da draußen, die ihr meinen Blog lest und meine Gedanken teilt.
Damit meine ich eher global dieses Anpassungsding. Immer nett sein, immer gut gekleidet sein, immer für irgendwen verfügbar sein, für den Mann jugendlich wirken wollen. Immer andere nach ihrem Befinden fragen, Altenpflegerin, Sekretärin, Arzthelferin sein. Dienen. Still sein, nicht laut lachen, nicht rülpsen, nicht auffallen, nie nach Schweiß riechen, keine zotigen Witze erzählen. Alle Kinder von einem Mann, gut kochen können, sich mit wenig Geld zufrieden geben. Das Licht immer unter den Scheffel stellen. Nichts vehement verlangen. Nicht verhandeln. Brav sein. Hoffen, dass mich noch jemand nimmt, wenn ich nicht mehr fruchtbar bin. Als unganz wirken, weil ich alleine lebe. Blond färben müssen, damit man mein Leben, meinen Stolz, meine Narben nicht sieht. Nö. Ende. Es gibt noch so viele Farben.
Die Welt kann mich mal. Glotzt mir auf den Kopf, mir ist es egal. Denkt was ihr wollt, ich denke auch, was ich will.
"Der Mensch hat unter bestimmten Umständen ein Recht auf Rebellion. Es gibt repressive Regime, die sich nur dann ändern, wenn das Volk Widerstand leistet."
(Rigoberta Menchú Tum, geb. 1959, guatemaltekische Menschenrechtsaktivistin, Friedennobelpreisrägerin)