Dienstag, 22. März 2016

Fastenzeit


40. Tag

Liebe Göttin,

ich rechne kurz vor: Die Fastenzeit hat offiziell 46 Tage, denn die Fastensonntage werden nicht mitgerechnet. Ich werde also am Samstag, am Ende der Fastenzeit an meinem 44. Tag sein. Zwei Sontage habe ich geschrieben, zwei Sonntag waren Ruhetag. Macht summar summarum 46!

Jetzt zu meinem Blau in den Haaren. Es ist furchtbar! So auffällig durch die Gegend laufen zu müssen. Gut, dass ich so viele Beanies habe, um meinen Schopf zu bedecken. Krass, ich fühle mich wie in der Pubertät. Nichts passt so wirklich zusammen bei mir. Jetzt passen noch nicht einmal mehr meine Klamotten zu meinen Haaren! Und das alles, weil ich den Trennungsschmerz wegatmen wollte. Blond, wie die junge Mieze von nebenan bin ich nicht. Grau wie die Freundin vom Tiroler will ich nicht. Blau wie bei Katy Perry in ihrer Pubertät, das steht mir schon gar nicht. Dann lieber blau aus der Flasche Rotwein.

Gestern Abend, ach was die ganze Nacht, habe ich recherchiert. Über Farbverläufe, Zurückfärben und Umfärben ... Wisst ihr, was passiert, wenn sich das Blau mit der Zeit auswäscht oder wenn man diese Farbe zurückfärben will, z. B. mit "colorb4"? Sie werden GRÜN! Mit meiner Tochter, die gestern bei mir zu Besuch war, habe ich noch rumgeflachst: "Brüller! Die einzige Farbe, die ich noch nie hatte ist Grün". Das wird sich dann ja bald ändern. Ich kann die Titelmusik vom weißen Hai förmlich hören...

Fällt mir noch etwas zum Fasten ein? Ich wache immer noch morgens auf und muss weinen. Wie kann sich zwischen zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben, so eine Kälte einstellen? Das werde ich nie begreifen. Zumal ich eher der Mensch bin, der sich sehr um andere bemüht und viel verzeiht. Sicher zu viel. Den Mann, den ich vor ein paar Tagen bei mir auf dem Sofa sitzen hatte, kenne ich nicht. Würde ich ihm zufällig begegnen, würde ich ihn nicht kennenlernen wollen. Ich kannte jemand anderen. Jemand zugewandten, netten, freundichen, interessierten, liebevollen und humorvollen. Aber Menschen, die mit dem Finger nur auf andere zeigen, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, sind mir nicht sympathisch. Sie sind anstrengend. Sie verdrehen dir deine Wahrnehmung. Am Ende liegst du am Boden und suchst die Schuld bei dir.

Weißt du, was ich wirklich denke? Ich denke, meine Gedanken laufen Amok. Immer, wenn ich zu viel alleine bin.  Vielleicht denken die dann, ich bin nicht da und verwüsten mal eben mein Oberstübchen. Wie ich darauf komme? Ich habe jetzt laaaaaange gedacht, es gäbe da draußen keine netten, normalen Männer mehr. Weit gefehlt! Heute habe ich einen kennengelernt. Der ist nicht für mich, der hat schon eine Frau. Er hat nur geholfen. Mit seinem Auto einen Tisch transportiert. Aber wir hatten so ein tolles Gespräch. Wir haben uns so interessant und inspirierend ausgetauscht. Ich saß da neben diesem Kerl und wusste auf einmal, dass ich mich irre. Meine Gedanken, diese vielen, kleinen, bissigen, zähen Scheißer wollten mir einreden, dass ich es nicht wert bin. Sie wollten mir verkaufen, dass da draußen nur unerzogene Typen herumlaufen. Das stimmt aber nicht. Ich muss mal raus aus meiner Hütte und ein bisschen rumschnuppern. Ich lasse mich gerne davon überzeugen, dass ich es wert bin, lauter nette, humorvolle, gefühlvolle, wohlwollende Menschen, Männer ... ja, auch neue Freunde, kennenzulernen. Völlig egal, welche Farbe meine Haare haben. Ich bin ich. Vielleicht mag das ja jemand. Nur die, die es mögen, möchte ich in Zukunft in meiner Nähe wissen. Die anderen können mit dem weißen Hai schwimmen.
 

"Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken"

(Heinz Erhardt, 1909 - 1979, deutsch-baltischer Komiker, Musiker, Komponist, Schauspieler)



P. S.: Der Begriff "herumflachsen" kommt aus der Zeit der Leinenweberei. Die Herstellung von Leinen, versponnenem Flachs, war in jedem Dorf ein Gesellschaftsereignis, bei dem viel gescherzt und gelacht wurde.