Ende
Hallo Gott,
das ist nun das Ende meines Fastentagebuches. Ich fühle mich ganz komisch damit. Heute morgen haben ich überlegt, ob ich heute nicht irgendetwas Fulminantes erleben sollte, damit ich am letzten Tag noch mal so richtig Spannendes berichten kann. Das erscheint mir aber unpassend. 46 Tage lang habe ich versucht, von einem Menschen zu fasten. Das geht nicht. Ich habe es auch nicht geschafft. 46 Tage lang habe ich mich mit Gedanken rund um Verzicht, Grenzen, Selbstwert, Selbstliebe und mit meinem Glauben oder Zweifeln an Dich/Dir beschäftigt.
Mein Fazit? 46 Tage lang habe ich mich mir selbst konfrontiert. Ich weiß immer noch nicht, wie sich Selbstliebe anfühlt. Und mein Glaube an Dich, an ein höheres Leben, das mir hilft und mich leitet scheint so abstrakt, wie immer schon. Dass Liebe und Verletztwerden zusammen gehören scheint mir unlogisch und schwer begreiflich. Ich wollte, dass er mich sieht, aber habe mich nicht gezeigt. Wenn ich mich zeigte, riskierte ich Ablehnung und Verlust.
Mir scheint, ich bleibe allein, fühle mich verlassen. Das Ding mit der Selbstliebe ist ein sehr langer Prozess. Um so mehr für die Menschen, die davon kein dickes Päckchen mitbekommen haben und ein Leben lang davon zehren können. Ich habe keine greifbare Erinnerung, verbunden mit guten Gefühlen, an die ich anknüpfen kann, um mich zu lieben. Diese Liebe werde ich mir selber geben müssen. Wie das geht, und wie lange es dauern wird, bis ich etwas spüre, was auf meinem Weg weiterhilft, kann ich nicht beantworten. Mir scheint, ich war mein bisheriges Leben lang ein Motor für Andere. Für die Mutter, für den Chef, für den Partner. Außerdem habe ich meine Mutterrolle übertrieben. Ich bin hinter meinem Kind hergegluckt und habe mein eigenes Leben immer und immer wieder auf Eis gelegt. Jetzt ist der Job weg, der Partner auch, das ehemalige Kind ist erwachsen und ausgezogen. Zurück bleibt der Motor, der für sich selber nicht anspringt. Er ist aufgebraucht. Irgendwie kaputt. Ich sitze hier in meinem Leben und weiß mit mir nichts anzufangen. Bedeutet Selbstliebe auch, sich so anzunehmen, wie man gerade ist?
Eines ist mir dennoch klar. Ich glaube an Dich. Denn ohne den Glauben an die Liebe und an etwas Übergeordnetes, Großes, könnte ich nicht leben. Dann müsste ich ja denken, dass es nur Böses gibt, nichts, an das ich mich in der Not wenden kann. Ich wende mich oft an dich, immer und immer wieder. Vielleicht hat mir das ja über viele schwere Momente hinweggeholfen und am Ende des Weges wird es ein schönes Gesamtbild geben. Vielleicht bin ich eine Goldsucherin. Und aus vielen, winzig kleinen Goldkrumen wird irgendwann einmal ein Häufchen Gold und irgendwann einmal ein ganz beträchtlicher Haufen. Den kann ich dann bestaunen und mich daran erfreuen.
"Länger durchhalten ist das Geheimnis aller Siege."
(Phil Bosmanns, 1922 - 2012, belgischer Ordenspriester, Telefonseelsorger und Schriftsteller, "der moderne" Franziskus")
Bildquelle: www.gottvertrauen.ch