Mittwoch, 9. März 2016

Fastenzeit


28. Tag

Unzählige Zigaretten und vier Mails später

Liebe Göttin und Leser dieses Blogs,

Schock? Ja, bei mir auch! Über das Loslassen schreiben ist weitaus leichter, als es wirklich zu tun. Ich hänge fest. Jedes Wort, das ich hier darüber schreibe fühlt sich an, als wäre es eines zu viel.

Dann doch lieber ein Blick aus meinem Bullerbü-Fenster: Mein Nachbar, der hübsche Typ von nebenan, geht jeden Tag joggen. Bei Sonne, Hitze, Winter, Kälte, Regen, Schnee und Atomeinschlägen. Manchmal liegt er aber leider im Park und hat zu viel getrunken. Dann geht es ihm wohl nicht so gut, befürchte ich mal. Wenn ich ihn sehe, denke ich oft: "Welchen Schmerz hat er wohl?"

Ach, und die, die bei mir wohnt ... ihr wisst schon, die mit den Traubenhyazinthen, ist total erschöpft. Sie geht im Moment nicht gerne raus, sie weint zu viel. Ihre Haut fühlt sich an wie aufgeschnitten, so als wären tausend Wunden darauf. Eine Schutzschicht wäre super, nur welche? Jeden Tag versucht sie es auf's Neue. Aber diese Bleigewichte an ihren Armen und Beinen, am Kopf und im Herzen machen es nicht gerade leicht. Immerhin steht sie auf und wäscht sich, frühstückt, hält die Wohnung sauber und geht einkaufen. Aber im Moment ist ihr Bett ihr bester Freund. Rückzug, Ruhe und Stille sind ihre Freunde. Schade nur, dass sie sich das so übel nimmt.

Noch ein lustiger Geselle, den ich gestern bei Saturn traf. Ich wollte ein Handy kaufen, für meine Mutter. Nicht wirklich ein Senioren-Handy, aber eines mit einer Notruftaste. Und mit GPS, damit man das Muttchen findet, falls es mal irgendwo zu liegen kommt. Auf die Nachfrage an den Verkäufer, ob sie Handys für Senioren haben, kam die Antwort: "Da müssen Sie mal im Internet recherchieren"! Ich hatte ja noch ernsthaft geglaubt, dieser junge Schnösel würde jetzt hier und vor Ort für mich sein Hirn anwerfen und recherchieren. Weit gefehlt! 

Einen klasse Kandidaten zum Thema "Menschliches Ebenbild" kann ich Dir noch anbieten: Den Tiroler. Das ist ein Nachbar hier auf der Straße. Er schlurfte früher immer in der Straße auf und ab und sah nach dem Rechten oder wonach auch immer. Er hatte die Schlüsselgewalt über den Speckbrettplatz  vor unserem Haus. Morgens schloss er auf, abends ab. Irgendwann war es vorbei mit den geöffneten und geschlossenen Toren. Als er wieder einmal die Straße entlang spazierte, mit Hund, sprach ich ihn an. Er erzählt mir, er sei Tiroler und würde sich über die Angst der Münsteraner amüsieren, die bei 3 Schneeflocken schon die Besen hervorzerrten. Ich kam gar nicht mehr dazu, mit ihm über den Speckbrettplatz zu reden. Denn eh' ich mich versah, stand ich bei ihm im Keller. Er hatte mich da irgendwie hineingelockt und wollte mir Etwas zeigen. Da ich Kontakte zu Menschen ja immer eher spannend finde, bin ich einfach mitgegangen. Der Tiroler malt, und zwar Akte. Von seiner Freundin. Er hat tatsächlich eine Freundin, die bei ihm im Haus wohnt. Der Hund, den er da immer hinter sich her zieht, gehört seiner Freundin. Der Tiroler ist 80. Der Hund wohl auch.


"Wenn das Herz vor Kummer erfüllt ist, sollte es sich nie Zerstreuungen zu sehr hingeben, weil die von Glück begünstigten Menschen nur selten ein wundes Herz verstehen."

(Helmina von Chézy, 1783 - 1856, eigentlich Wilhelmine Christiane von Chézy, deutsche Schriftstellerin, Korrespondentin in Paris, Lyrikerin und Dichterin)


P. S.: Poetischer Realismus war eine objektive Betrachtungsweise der reellen Welt, die künstlerisch wiedergegeben wurde, während der Jahre von 1848 - 1890, einer revolutionäre Zeit, verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft