Dienstag, 8. März 2016

Fastenzeit


27. Tag

2 Tage, 4 plus 3 Zigaretten und null Kontaktaufnahmen später

Guten Morgen Göttin,

da Fasten Verzichten heißt, verzichte ich heute auf das Malen eines persönlichen Gefühlsbildes, das mit der Trennung von meinem Freund zu tun hat. Mal schauen, ob mir überhaupt noch etwas Anderes aus meinem Leben einfällt.

Ich kann Dir ja mal ein bisschen von uns hier "unten" erzählen. Kann ja nicht schaden, wenn Du  mitbekommst, wen Du hier nach Deinem Ebenbild geschaffen hast. Obwohl, das mit dem Ebenbild gibt mir dann doch zu denken.

Menschen sind zuweilen eine lustige Spezies, wenn man sie aus gebührendem Abstand betrachtet. Mein Gegenüber-Nachbar zum Beispiel. Er wohnt ungefähr 50 Meter von mir entfernt und steht jeden Abend nackt in seiner Küche. Mittlerweile steht er sogar morgens nackt dort. Das habe ich gesehen, als ich vor zwei Tagen morgens um 5 Uhr raus musste, was sonst eher nicht der Fall ist. Schade, dass ich kein Fernglas habe! Aber meine Kamera mit 46-fach Zoom tut's auch. Er ist ein bisschen moppelig, aber ganz ansehnlich.  Entweder ist er Nudist oder Exhibitionist. Wer bei Dunkelheit und gleichzeitig eingeschalteter Innenbeleuchtung davon ausgeht, ihn sieht (sähe, siehe, würde gesehen) niemand, dem ist es entweder egal oder egal. Oder er ist extrem blöd.

Im Winter in der Stadt leben, ist wie in einer Puppenstuben-Siedlung wohnen. Überall sind Fenster erleuchtet, wenn es draußen dunkel wird.  Schornsteine stoßen kleine Wattewölkchen aus, damit die Leute es drinnen schön warm haben. Ich habe noch eine Nachbarin, jaha. Sie hat einen Hund: "Merle", "Perle". Was weiß ich, sie spricht zu leise da drüben, 50 Meter von mir entfernt. Sie wohnt unter dem Nackedei. Ihr kleine Köter kläfft die ganze Siedlung zusammen, und zwar IMMER, wenn er auf dem Balkon ist. Der kleine schwarze Fiffi ist so aufgeregt. Er muss alles kommentieren, was hier im Hinterhof passiert. Und das ist eine Menge! Fliegende Vögel, ziehende Wolken, Regen, rauchende Menschen auf Balkonen. "Kläff! Kläff! Kläff!" ... "Kläff! Kläff! Kläff!" ... "Kläff! Kläff! Kläff!" Längere Pause. Vielleicht ist das ja ein Morsealphabet auf hundisch und Fiffi ist in Not. Ständig. Irgendwie.

Schräg gegenüber von mir wohnt ein junger Mann. Tag und Nacht wippte er in einem großen, chefsesselähnlichen Stuhl vor seinem Computerbildschirm vor und zurück. Der Ärmste, ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Ich bin so eine, die ganz oft denkt: "Oh, der Ärmste, das tut mir aber leid ...". Da sitzt er nun tagein, tagaus vor dem PC und spielt? Arbeitet? Guckt Filme? Skypt? Chattet? Im Sommer hatte er noch eine Freundin. Wenn sie bei ihm war, blieb der Bildschirm aus. Er saß mit ihr auf dem Balkon und hat gelacht, Kaffee getrunken. Vor drei Abenden ist es dann passiert. Ich saß auf meinem Balkon und rauchte. Er, also der übernächtigte, von mir mit mütterlichem Herzeblut beobachtete junge Mann, kam in sein Zimmer und der Bildschirm blieb aus! Einfach aus. So kann ich nicht arbeiten! Aber mal ganz ehrlich? Ich habe mich gefreut. Vielleicht isser ja auch nur ein Typ, der in den letzten Wochen an irgendeinem IT-Projekt gearbeitet hat. Vielleicht isses aber auch einfach nur besser, sich nicht zu viele Gedanken über Andere zu machen.

Es gibt viele lustige Gesellen hier. Das kann ich Dir sagen. Peter, unser ältester Nachbar im Haus, schließt selbst tagsüber die Fluchttür zum Garten ab. Superkonsequent, egal wie oft wir ihm sagen, er soll das lassen. Jeden Tag muss er sich vor wem auch immer verbarrikadieren. Wen ich schon lange nicht mehr gesehen habe, ist der Kerl, der jeden Morgen um 8 Uhr vor unserem Haus vorbeiging. Mit großen, ausladenden Schritten in Richtung Bushaltestelle. Jedes Mal hatte er Kopfhörer auf dem Kopf. Er sang englische Lieder mit. Laut, schief und sehr hoch. Eigenschämen kam bei ihm nicht vor. Ich vermisse ihn regelrecht, seit er hier nicht mehr lang läuft.

Hier bei mir in der Wohnung wohnt auch eine der Sorte "merkwürdige Spezies". Sie sieht sich ihre Popel an, bevor sie sie wegschnippt. Wenn sie nervös ist, zuckt sie mit ihrer Nase. Sie kauft Lebensmittel, als gäbe es kein Morgen. Eigentlich bräuchte sie einen größeren Kühlschrank oder einen Mitesser. Sie regt sich zu viel über andere Menschen auf. Wahrscheinlich ist ihr Kaliumhaushalt im absoluten Ungleichgewicht. Ihr Heilpraktiker sagt immer: "Sie entzünden sich zu schnell. Sie brauchen Kalium und Eisen". Sie riecht unter den Ärmeln ihrer Shirts, um herauszufinden, ob sie diese am nächsten Tag noch einmal anziehen kann (macht ihr auch, gell?). Sie gibt ständig mehr Geld aus, als sie dürfte (sie hat aber dafür einen netten Bankberater ;-) Sie redet mit sich selbst und liebt kleine blaue Traubenhyazinthen. Ihr Licht im Wohnzimmer ist abends oft aus, weil sie lieber in ihrer gemütlichen Küche sitzt und liest. Manchmal quatscht sie Menschen an, einfach so. Aus Lust am Reden. Aus Neugierde. Sie liebt Menschen.


"Man muss den Leuten nur ein bisschen verrückt vorkommen, dann kommt man schon weiter." 

(Wilhelm Raabe, 1831 - 1910, deutscher Erzähler, Pseudonym: Jakob Corvinus, einer der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus)


P. S.: Was weiß ich, was poetischer Realismus ist