Samstag, 9. Juli 2016

Gradwanderung


Tag, Gott,

also hier bin ich wieder. Ich habe einfach zu viele Fragen, als dass ich aufhören möchte, mit dir in Verbindung zu treten. Ich habe tausenderlei Fragen und nicht einmal eine wirklich bis zum Ende gut durchdachte Antwort.


Meine Frage heute lautet: Wie geht das? Persönliches nicht persönlich nehmen

Hast du schon mal einen in die Fresse bekommen? Ich meine so richtig auf die Fresse. Bist du schon mal von jemandem so eiskalt abserviert worden, dass du mit deinem gesunden Menschenverstand da nicht mehr hinterher kommst? Oder ärgerst du dich im Alltag über die vielen kleinen, wie lästige Schmeißfliegen um dich herumflirrenden größeren und kleineren Ärgernisse von dir näher oder etwas weiter weg stehenden Leuten?

Und was passiert, wenn du dann den Satz liest oder wie in meinem Fall hörst: "Alles was ein anderer tut, tut er für sich und nicht gegen dich"? 'Tun' kannst du hier natürlich auch tauschen gegen 'Sagen'. Also, alles, was ein anderer Mensch an den Start bringt hat nur mit ihm zu tun und nicht mit dir.

Das ist eine ziemlich schwere Ansage, nicht wahr? Und gleichzeitig eine Sichtweise, die es einem aufmal ermöglicht, sich von dem Anderen, der einem gefühlt (aber nur in den eigenen Gefühlen) das Leben schwer macht, zu lösen. Nicht mehr krampfhaft hinzuschauen, hinzufühlen. Sondern es bei ihm/ihr belassen und weitermachen. Abhaken.

Das gelingt mir inzwischen ganz gut bei den oben beschriebenen Alltagswehwehchen. Bei dem Nachbarn, der jede Woche Post für uns andere im Haus annimmt und gestern so dermaßen darüber ausgeflippt ist im Treppenhaus. Ich habe ihm gesagt, er soll es lassen, wenn er das nicht mehr möchte. Oder er soll selber dem Postboten sagen: "Nein, bla bla bla". Auf jeden Fall habe ich kurz mit ihm geredet und bin dann völlig entspannt weiter gegangen. Ist ja nicht mein Problem. Und er hat alles Recht der Welt sich aufzuregen. Wer bin ich, ihm das nehmen zu wollen? Aber ich nehme es auch nicht weiter zu mir. Ja klar, er nimmt auch meine Päckchen an, wenn ich nicht da bin. Aber habe ich ihn dazu gezwungen, ihm den Poststempel auf die nackte Haut gedrückt und ihm eine Marke auf den Arm getackert? Ihn gequält mit einem süffisanten Mafioso-Lächeln "Schau, wir sinte doche alle eine Familie, eh?" Nö, auch das nicht. Es ist SEIN Ärger, SEINE Sichtweise.
Ich bin einfach nur nicht auf sein Karussell aufgesprungen, als er es im Vorbeigehen (ich kam gerade die Treppe herunter, als er den armen DHL-Boten anschrie) für mich anhielt.
Das ist schon alles.
Also, ich denke, mit den Menschen, die einem  nicht so nahe stehen, gelingt das schon ganz gut. Das kennt ihr bestimmt auch, oder?
Wenn nicht, denkt immer daran, es hat mich euch nichts zu tun. Das was ein Anderer sagt oder tut entsteht als Idee, als Möglichkeit einer Lösung nur in seinem Kopf. Und ihr steht vor ihm wie ein Gemälde. "Ein Gemälde ... häh?", werdet ihr jetzt denken. Aber hier mal eine kleine Versuchsanordnung zum besseren Verständnis. Stellt euch ein Bild vor. Auf diesem alten Schinken aus dem 18. Jahrhundert ein praller, runder, goldrot glänzender Apfel. Und nun seid ihr sauer auf den Apfel, ihr ärgert euch, ihr mögt diese Art Zurschaustellung von Obst nicht, ihr hasst Äpfel und diese naive Malerei noch viel mehr. Ihr schleudert hämische Worte in Richtung des Bildes, findet das Bild zum Kotzen. Und? Stört es den echten Apfel, der hier Modell gestanden hat? Berührt es ihn, trifft es ihn, sollte er deswegen auf der Stelle verfaulen? Und wenn ja, wäre das möglich? NEIN, NEIN und nochmal NEIN.
Das meinte ich. Die Aktionen eines anderen Menschen haben mit euch NICHTS zu tun. Ihr seid lediglich ein Auslöser in ihm. Oder noch präziser: Das, was dieser Mensch in seinem Inneren erfährt, vielleicht durch das Aufeinandertreffen von dir mit ihm oder weiß der Henker woher, ist einzig und allein SEINE Erfahrung. Und ihr seid der Apfel hinter dem Bild. Das Original, das mit dem Betrachter nichts zu schaffen hat.
Und in dem Moment könnt ihr euch frei bewegen und den Anderen loslassen. Er macht gerade seinen eigenen Dreh durch. Und das muss er auch. Mischt euch nicht ein, denn dann würdet ihr ihn entmündigen. Zieht eure Konsequenzen. Geht vielleicht aus seinem Dunstkreis, kommt wieder, wenn er sich beruhigt hat, trennt euch (eine Weile oder für immer), stellt ihm einen Tee hin, hakt es ab.

Und hier kommen wir direkt zu dem zweiten Teil der Gradwanderung. Wie ist es mit den Menschen, dir mir so nahe stehen. Klappt das dort auch so gut? Oder kommt mir da in die Quere, dass ich von den Menschen etwas will/brauche und deshalb nicht loslassen kann. Persönliches nehme und auch behalte, anstatt es bei dem Anderen zu lassen?
Da dieser Teil aber mindestens genauso aufwendig zu beschreiben ist, wie der, den ihr gerade gelesen habt, gibt es mehr Brain-Futter dann erst morgen.