Sonntag, 10. Juli 2016
Gradwanderung - Teil 2
Guten Abend Gott (ist übrigens für mich immer noch weiblich),
ich hatte ja versprochen, mich heute dem zweiten Teil meiner Gradwanderung bezüglich Loslassen/Abgrenzen zu widmen.
Seid ihr bereit? Dann zieht euch alle schon mal warm an, am besten noch Sonnenbrille (für den irren schönen Anblick, der euch am Ende der Reise flashen wird), Neopren, um euch beim Sprung ins kalte Wassser zu schützen, Regenjacke, Kleenex (für die Trauer) und Durchhaltevermögen (sprich Geduld) mitnehmen. Und ein paar wirklich gute Wanderschuhe, denn die brauchen wir auf dieser Wanderung. Es geht über Klippen, öde, lange Wege mit null schöner Landschaft rechts oder links und durch kaltes Wasser. Dafür gibt es am Ende oder auf der Höhe, wenn ihr den Berg erklommen habt, den atemberaubendsten Blick, den ihr euch vorstellen könnt, und der heißt "endlich frei"!
Also, wie ist das nun mit der Gradwanderung bei Menschen, die dir nahe stehen? Bei Müttern, die dir niemals noch nicht gesagt haben, dass sie dich lieben (du sie aber trotzdem liebst und irgendwie auch ahnst, dass sie dir dasselbe Gefühl entgegenbringen, es aber nicht aussprechen werden). Bei Freundinnen, die dich mir nichts, dir nichts aus der Freundschaft werfen, mal eben so per SMS oder wenn sie sich mehr "Mühe" machen, per Mail (mit ein paar mehr Worten, ja suuuper) in einem sozialen (!) Netzwerk. Oder was ist mit Männern, die mauern, wo sie nur können. Sich winden wie ein Wurm, täuschen, beleidigen. So viel Mist bauen, dass du am Ende nicht mehr weißt, wen du da eigentlich kennengelernt hast. Weil der da, der da so jämmerlich vor dir steht, ist nicht mehr der, den du mal kennengelernt hast. Oder Kinder. Söhne und Töchter, die blindlings in ihr Unglück laufen und dir immer noch erhaben grinsend den inneren Stinkefinger zeigen.
Geht das bei diesen, dir so nahe stehenden Menschen auch, den Grundsatz anzuwenden "alles, was sie gegen dich tun, tun sie nur für sich"? Oder umgekehrt, wie ich es in Teil 1 formulierte. Alles, was Menschen tun, tun sie nicht gegen NICHT gegen dich, sondern nur für sich? Verwirrend, ich weiß.
Aber im Grund gilt hier das Gleiche, es ist nur vieeeeeeel schwieriger für dich umzusetzen. Denn du willst noch etwas von ihnen. Du willst, dass sie dich lieben, dass sie dich in einem besonderen Licht sehen, dir etwas Aufmerksamkeit, Exklusivität schenken. Weil du sie dir selber (noch) nicht genügend schenkst. Fies, nicht wahr. Aber so ist es meiner Meinung nach. Jeder Mensch, den wir treffen, oder den wir in unsere Nähe lassen oder den wir gebären, ist ein für sich eigener Mensch. Genauso wie du. Und dieser Mensch hält dir einen Spiegel vor. Er zeigt dir, wie es um dein Inneres bestellt ist. Er ist sozusagen ein Arsch-Engel. Einer, der dir begegnet, um dir eine Botschaft zu bringen.
Und ist es einfach, nicht oder wenig liebevolle Mütter zu lieben? Ist es leicht, einen Mann, den man mal so geliebt hat (und seien wir ehrlich, ER sollte uns das Glück bringen, bedingungslos!) loszulassen? Ist es angenehm, verlassen zu werden? Ist es schön, mit guten Kollegen zu streiten, mit Geschwistern aneinander zu geraten, sich um Kinder zu sorgen und ihnen doch nicht wirklich helfen zu können (wie wir es verstehen)? Nein, Nein, Nein und nochmals Nein. Ein Nein bis in alle Ewigkeit. In Stein gemeißelt. Unumstößlich, ein kosmisches Gesetz: Nein. Es ist hart, schwer, tränenreich. Der oder die Eine oder Andere von uns wird an den Abgrund geführt. Und da stehst du dann und fragst dich: "Wer bin ich ohne dich?" Bin ich auch noch etwas, ohne immer bei dem Anderen zu sein, dort alles abzugrasen, abzufragen, bekommen zu wollen, zu erwarten. Gibt es in meinem Leben ein Glück außerhalb dieses Menschen? Wenn die Antwort Nein lautet. Ganz ehrlich, dann haben wir es gut gemeint aber falsch gemacht. Dann haben wir zu viel den Anderen geliebt und zu wenig auf uns geachtet. Wo ist denn unser Leben? Wo ist der Mut und die Furchtlosigkeit und die Tatkraft, unseren Alltag zu gestalten? Etwas ohne die Kinder, die Mütter, den Mann, die Frau, die Familie, die Kollegen zu unternehmen, zu denken, zu gestalten, zu leben, zu entscheiden, zu wagen?
Und schon sind wir mitten auf dem holprigen Geröllweg durch unser mitunter nicht zu verstehendes Leben. Habe ich gesagt, dass es einfach wird? Na bitte! Am Ende aber wirst du belohnt werden. Denn, die Dinge, die zu deinem Leben gehören wollen, die bleiben. Kinder, die verantwortungsvoll ihr Eigenes leben dürfen, bleiben. Mütter, die dich lieben, bleiben. Männer, die wirklich dich wollen (das gleiche gilt für Frauen, aber es stimmt doch. Männer sind viel öfter die, die beinhart schweigen und gehen, oder wir gehen deswegen), bleiben. Geschwister, die dich lieben und so nehmen wollen, wie du bist, werden bleiben. Der Job, der zu dir will oder passt, bleibt oder er muss noch kommen.
Das einzige Mittel, das während dieser anstrengenden Wanderung hilft und dich salbt sozusagen (klingt blöd, meine ich aber wirklich so) ist: Loslassen! Nichts, was nicht in dein Leben gehört, bleibt!
Laß' den anderen Menschen Seins tun. Geh' nicht zu tief da hinein. Das, was er sagt und tut oder meint und denkt, hat mit dir NICHTS zu tun. Er muss seine eigenen Sachen durchleben, durchmachen. Ist für diesen Menschen sicher auch nicht immer ganz einfach. Wir denken aber oft zu gerne, dass nur wir leiden. Stimmt aber nicht. Also, entmündige ihn nicht, in dem du besser weisst, was er tun sollte. Achte auf dich, dein Schuhwerk, deinen Mantel, dein Essen und Trinken, deinen Schlaf, deine Salben, deine Musik. Achte auf alles, was dir gut tut, und tu es. Mach dich frei davon, dass ein Anderer dir gut tun MUSS. Du bist der Apfel, und er spricht das Gemälde an. Das muss dich gar nicht berühren. Es sei denn, du ziehst es zu dir. Und das tust du nur, weil du dir selber zu wenig von dem gibst, was du vom Anderen erwartest. Das ist die bittere Botschaft. Aber auch die kann man aushalten und überwinden. Du kannst schreien, trauern, fluchen, spucken, schluchzen auf dieser Reise, am Ende aber wirst du dich freuen. Die Botschaft ist: Du darst gerne etwas Persönlich nehmen, es für dich durchdenken (was dein Teil an dem Ganzen sein mag), aber du solltest es tunlichst nicht BEHALTEN. Lass' es beim Anderen. Denk über dich nach und lass den Anderen!
Und dann bist du auf dem Gipfel. Es ist kühl, du bist müde und abgekämpft, deine Muskeln sind heiß, aber du bist stolz. Stolz auf das, was du geschafft hast. Vor dir geht die Sonne auf. Der Wind weht ein (wenn auch ganz leises) Lied von deiner Freiheit. Der Horizont ist so weit das Auge und dein Herz reichen. Du schaust dich um und bemerkst zum ersten Mal, dass die Menschen, denen du am Herzen liegst, mit dir sind. Sie sind bei dir und sind mitgegangen. Diese Menschen bleiben.
Und jetzt? Zelt aufgeschlagen, ein Sprung in den kühlen Gebirgsbach, Füße verarzten, Lagerfeuer anmachen, jemand hat eine Gitarre dabei. Und ihr fallt euch in die Arme und tanzt und lacht. Die ganze Nacht am Feuer. Auf dem Gipfel der Freiheit ...