Montag, 9. Januar 2017

Gitta fährt ...

... ein Stück mit Elli mit.


Hey Elli,

wie kann das sein? Wie kann es sein, dass du mit 48 da draußen erfrierst? Mitten unter uns. In Düsseldorf. Hast du weit weg gelegen von der Kö? Sind sie an dir vorbeigegangen? Die Reichen und Schönen, die Normalen und Unnormalen? Haben sie noch mit Verachtung auf dich geschaut, als dir schon das Eis durch die Adern lief und deine Augen starr ins Nichts guckten? Du warst doch erst ein Jahr jünger als ich. Was ist passiert? Wie kann das sein? Was ist zwischen dem Tod deiner Mutter und deinem Kältetod gestern passiert? Freunde und Bekannte sagen, du hättest deinen Halt verloren. Deinen Schmerz in Alkohol zu ertränken versucht. Sie sagen auch, du hättest deinen WeggefährtInnen aber immer Halt geboten, wenn sie in noch größerer Not waren. Und du hast dir Gedanken über ein paar geklaute Kerzen aus der Kirche gemacht? Du warst sensibel, nicht wahr? Sehr sensibel. Hast uns allen Etwas da gelassen. Dein Vermächtnis. Deine Gedanken, eine Art Tagebuch. Niedergeschrieben im Gästebuch der Andreas-Kirche. Dem Ort, an dem du Ruhe und Geborgenheit gefunden hast. Da ging es dir wie mir. Ich finde auch manchmal Ruhe und Frieden in unserer Kirche. Sitze dann einfach nur da und "rede" mit Gott. "Was soll ich denn tun?" hast du ihn gefragt. So steht es in dem Buch. Hattest du keine Idee, keine Kraft, keinen Mut mehr etwas zu tun? Wo waren die Menschen um dich herum?

Ist es uns abhanden gekommen? Interessiert es niemanden mehr? Dieses old-school-Ding called Mitgefühl? Wofür sind Sozialarbeiter da, die nichts mitbekommen? Was sind das für Ärzte, die nicht mal mehr zu den Menschen hochgucken, die vor ihren Schreibtischen sitzen und auf Hilfe hoffen. Müsste man die Menschen in den Sozialämtern nicht eigentlich Zombies nennen, wenn sie nicht mehr interessiert sind an denen, die Hilfe brauchen? Ist es so schwer, einem Obdachlosen zu helfen? Ihm ein bisschen Zuwendung, heißen Kaffee, Geld, eine warme Decke, einen respektvollen Blick, gar ein Lächeln zukommen zu lassen? Eine, einer von uns. Erfroren. Vor unseren Augen.

Es tut mir leid, Elli. Es tut mir leid, dass du aufgegeben hast. Oder nein, es tut mir leid, dass du so ein Ende gefunden hast. Aufgeben darf jeder. Aufgeben, nicht weitergehen können oder gar wollen ist Menschenrecht. Aber auf der Straße. Vor unser aller Augen erfrieren. Das geht nicht. Das ist eine Warnung an uns alle. Schaut einander in die Augen. Lächelt einander an. Lasst niemanden außerhalb der Menschengruppe. Das gehört sich nicht. Das möchte ich nicht erleben, und ich will auch nicht, dass ein anderer das erleben muss. Es tut mir leid, dass du so schrecklich frieren musstet, Elli. Ruhe in Frieden!