Mittwoch, 27. Februar 2019

Ich bin alt


So fühle ich mich gerade. Ich sitze seit zwei Tagen in einer Schulung in einem Callcenter. Demnächst verkaufe ich Handytarife. Ich fühle mich alt. In einem Sammelbecken für gestrandete Existenzen angekommen. Ich lasse mal die Dramatik weg. Dann geht das so:

Mittwochmorgen, 11 Uhr. Ich sitze in meiner Küche. Heute habe ich einen Tag frei. Am Montag habe ich eine Schulung begonnen. In einem Callcenter werde ich demnächst als 1st-Level-Online-Supporterin arbeiten. Ich werde an zwei Bildschirmen mit Kundinnen/Kunden chatten, die Fragen rund um ihr Handy und die dazugehörigen Tarife haben. Ob das der Traumjob ist, ich wage es zu bezweifeln, aber ich brauche Geld. Und ich brauche endlich einen Job. Seit 5 Jahren bin ich jetzt arbeitslos. Erst wollte ich nicht mehr, und dann wollte mich keiner mehr. Das Callcenter wollte mich. Die Stimmung in dem Laden ist ganz gut, alle Mitarbeiter, die ich bisher traf, sind super nett. Die Schulung ist mega anstrengend. Ich lerne seit vielen Jahren das erste Mal wieder, mein Gehirn wird ultra beansprucht. Handytarife, Optionen, verschiedene Computerprogramme, und all' das muss in 14 Tagen rein. In den Kopf. Die Herausforderung dabei, das zu schaffen, ist gar nicht mal so blöd. Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren auf so viele Jobs beworben, niemand gab mir eine Chance. Ich habe das Gefühl, ich bin zu alt. Zu alt für Deutschland oder zu alt für meine Träume? Ich weiß es nicht. Ich bin 51. Wenn es nach mir ginge würde ich Journalismus studieren und für eine Zeitung schreiben. Das war es, was ich immer wollte. Das Leben hat mir andere Karten zugespielt. Ganz andere Karten. Genügend Traumata, um mein Leben damit zuzubringen, das Überleben zu lernen. Da war kein Platz für Selbstverwirklichung. Dann allein Erziehende, auf's Muttersein möchte ich im Leben nicht mehr verzichten, das ist mein Glück, meine Liebe, mein Stolz. Ein Kind haben ist das Größte für mich. Nun ist dieses Kind fort, weggeflogen in sein eigenes Leben. Ich habe es, glaube ich, nicht ganz so schlecht gemacht. Jetzt bin ich dran. Aber jetzt bin ich 51 und fühle mich alt und wie im Sammelbecken für gestandete Existenzen. Tut mir leid, die ihr da rechts und links neben mir sitzt. Ihr seid Studis, habt noch alles vor euch. Ich bin auf den letzten Runden und muss nehmen, was kommt. Ich klinge wie ein Opfer, und das nervt mich selber. Aber wohin mit meinem brillanten Verstand? Wohin? Jetzt gehe ich erstmal in die Schulung, und dann chatte ich. Ich brauche das Geld, eine wirkliche Alternative habe ich (noch) nicht. Mein Traum: Feministische Texte schreiben. Vielleicht gehört das hier ja auch schon dazu. Ich bin eine Frau, mich hat das Leben geprägt, ich schreibe als Frau, ergo feministischer Text.