Freitag, 15. März 2019


Deine Hoffnung und meine Tränen


Dies ist ein Brief an euch Schwestern da draußen. An alle, die ihr in der Mitte des Lebens euren Weg weitergeht wie ich. Vielleicht einen anderen Weg, einen neuen, einen ungewohnten, einen sturmumtosten, einen mit Stolpersteinen belegten und tränenreichen. Einen mit ungeahnten neuen Freuden und Freundinnen, Schwestern im Herzen und Geiste. Aber immer und unbedingt einen neuen Weg!

Ich würfel mal ein paar Zahlen durcheinander, und ihr dürft frei assoziieren, was jeder von euch dabei persönlich einfällt. 51, 40, 37, 4, 1, 1, 5, 14, 400, 0, 1 Mrd. und noch mal die Null und eine Eins.

Ich bin 51 Jahre alt, meine Mutter stammt von 1940, mein Vater war von 1937. Ich habe eine Tochter, wir sind eine 1-Eltern-Familie. Ich habe in einer Schulung 5 Computerprogramme gleichzeitig beherrschen gelernt, die Schulung dauerte aber nur 14 Tage. Ich bekomme 400 Euro vom Jobcenter, habe in drei Jahren null Angebote, in meinen alten Ausbildungsberuf zurückzukehren. In mir sind gefühlte 1 Milliarde Tränen. Ich habe eine wundervolle neue Freundin dazugewonnen. Im Alter werde ich arm sein, ich bekomme null Euro Rente.


Jetzt hole ich ein bisschen aus und unterfüttere das mal. Als ich eine Teenagerin war, frisch von der Realschule, wollte ich mich auf dem Gymnasium anmelden. Ich wollte Abi machen und Journalismus, Germanistik oder Literaturwissenschaften studieren. Die gesamte Schulzeit hielten mich meine Eltern und Lehrer für eine Träumerin. Aber ich war gut, sehr gut. Ich war aber auch Tochter von Kriegskindern. Meine Vater sagte: "Du gehts ins Büro, da hast du es warm und trocken. Du wirst eh' geheiratet". Meine Mutter war Sekretärin. Also wurde ich auch Sekretärin. Die Tochter erfolgreicher als die Eltern? Das schien unmöglich. Es war wie ein unausgesprochenes Verbot, dass Mädchen nicht zu studieren haben. Also war ich brav und ging ins Büro. Ich hasste es.

Ich habe in den vielen Jahren so oft geweint, weil ich mich unfähig fühlte, aus dieser inneren Abhängigkeit auszusteigen. Ich stieg auf meine Art aus. Immer wieder wechselte ich die Stellen. Ich konnte es oft nicht aushalten, "nur" im Büro sein zu müssen. In meinem Lebenslauf sind viele Posten, es macht sich nicht so gut in Vorstellungsgesprächen. Aber das bin ich. Das ist mein Leben. Ich habe längst verlernt, mutig zu sein und mir mein Leben zu schnappen. Die Jahre gingen ins Land,  mal habe ich gearbeitet, mal war ich arbeitslos. Zwei Schicksalsschläge musste ich hinnehmen, sie haben mich aus der Bahn geworfen. Vier Jahre brauchte ich, um wieder stabil und mutig zu werden. So weit, bis ich sagen konnte: "Ich möchte wieder arbeiten". Aber dann wirst du konfrontiert mit Jobs für 9,50 Euro, mit Urlaubstagen, die du auch ganz streichen kannst, weil Erholung in der kurzen Zeit unmöglich ist. Feiertage frei? Wochenende wenigstens? 9 to 5 aber doch, oder? Ein Zahn nach dem anderen wird dir gezogen. Am Ende weißt du nicht mehr, ob du Selbstfürsorge betreibst, weil du Dinge ablehnst oder ob du auf hohem Niveau stöhnst und froh sein müsstest, noch irgendwo unterkriechen zu können.

Seht ihr in der Stadt irgendwo ältere oder alte Frauen, die arbeiten? Wo sind sie? Sind sie zuhause, haben die alle Männer, die Kohle ranschaffen. Stehen Sie an der Tafel an, während Männer Politik und Wirtschaft machen? Ich sehe Männer, überall Männer, und vor allem sehe ich Männer in allen Altersklassen. Mir hat man was vorgemacht. Ich komme aus der Generation Abhängigkeit. Meine Eltern haben das nicht böse gemeint. Und trotzdem haben Sie mir nicht meinen Glauben gelassen, ich sei als Mädchen oder junge Frau genauso frei wie ein junger Mann, der seinen Berufsweg einschlägt. Man hat mich abgespeist mit einem Hilfsjob: Bürogehilfin. Ich wollte studieren. Und jetzt manövriere ich mich durch den Arbeitsmarkt. Ich werde konfrontiert mit Ablehnung, Häme, Abspeisung, aber auch mit Wohlwollen. Schade nur, dass das Wohlwollen aus Ecken kommt, in denen ich im Niedriglohnsektor verhungere. Und nein, das ist nicht Stöhnen auf hohem Niveau, ergo lass' das mal. Das ist selbstbewusst und mutig und tapfer. Ich bin etwas wert, unsere Arbeit ist etwas wert. Ich habe nicht einen Cent für meine Haushaltstägigkeit während des Alleinerziehens bekommen. Nicht einen. Und eine Rente gibt es aus dieser Zeit auch nicht. By the way ... Der Alterspräsident (wofür nochmal braucht man den?) des Bundestages, Heinz Riesenhuber, ist 80 Jahre alt. Ich möchte mal wissen, wieviel Kohle der einfährt. Ich aber soll mich zufriedengeben, dass man mich als Frau mit 9,50 Euro hinter der Bäckertheke oder im Call-Center abspeist? Bezahlt uns vernünftig, dann gehe ich auch gerne da hin und verkaufe Brötchen, Blumen, Kleidung oder Pommes.

Wenn ich dann weine, den Mut verliere, aufgeben möchte und an mir zweifle, wenn ich mich zufrieden gebe und nicht darum kämpfe, wenigstens zurück in meinen alten Beruf zu kommen, um halbwegs vernünftig bezahlt zu werden. Dann ist da meine Freundin. Sie hält zu mir und macht mir Mut, heute schon. Ich weiß genau, wenn ich alt und arm werden sollte, ist sie immer noch da, und wir sind zusammen alt und arm. Jetzt gehen wir erstmal zusammen diesen Weg.
Ihr Zitat: "Wir sind eine riesen Generation von Frauen, und wir werden zusammenhalten, und es wird gut werden!!
Ihre Hoffnung und meine Tränen.