Samstag, 20. April 2019


Ostern - Teil 2

Das Fest der Auferstehung. Ich möchte doch auferstehen. Auferstehen aus Schmerzen und dem ewigen Leben im Mangel. Heute war ich auf einem wunderschönen Spaziergang mit meinem Gandhi am Kanal und im Wald unterwegs. Das Wasser glitzerte, im Wald wehte ein weicher Wind, alles roch leicht nach Holz, Waldboden und Tannen. Licht brach sich glitzernd in zarten, hellgrünen Blättern und frischen Zweigen. Und ich? Ich konnte von all' dem kaum etwas genießen, weil ich weinte. Ich weine immer noch, weil H. weg ist. Seit drei Jahren weine ich und lebe im Mangel. Rechnungen flattern herein, das Jobcenter kürzt immer irgendwo aus irgendeinem Grund irgendeine Summe, der Hund muss zum Friseur, meine Frauengruppe will bezahlt sein, die Autowerkstatt bekommt noch Geld, die Stadtkasse schickt Mahnungen, weil die Hundesteuer noch nicht überwiesen ist, meinen letzten Lohn bekomme ich nicht, weil wieder irgendwelche besch... Regeln dazu passen. Und ich stolpere durch den Wald und vermisse H. Ich rede mir ein, dass mein Leben schöner sei mit ihm. Dass ich dann weniger alleine wäre und weniger leiden würde. Ich rede mir ein, dass ich im Mangel bin, weil es mir momentan an Geld fehlt.

Auf dem Rückweg vom Wald am Kanal entlang zu meinem Auto ging ich an einer Combo junger Männer vorbei. Ein dickes Mercedes-Cabrio hielt neben ihnen. Zwei junge Männer stiegen aus. Gerade mal 20, bestimmt nicht älter. Der eine hielt in der Hand eine Dose Red Bull und eine riesige Shisha. Er stieg mit den Worten: "Alter, dein Auto ist voll die Müllkippe" aus dem Wagen. In dem Moment ging ich an ihnen vorbei und wollte schon innerlich anheben zum Klagelied: "So ein dickes Auto hätte ich auch gerne, ich mit meiner alten Kiste, ab nächster Woche mit Job aber nur halbtags, meine olle alte Wohnung mit den blöden Möbeln, in einem Mietshaus und kein Geld auf dem Konto. Hach, es wird nie besser werden. Ich wurde abgehängt". Doch plötzlich zog mir ein neuer Gedanke durch den Kopf. Fast war es so, als hätte mich "der liebe Gott" oder wer oder was auch immer mit Absicht diesen merkwürdigen Nachmittag erleben lassen. Ich ging weiter und fragte mich zum ersten Mal: "Ist mir Materielles eigentlich wirklich wichtig?" Nein. Ist es nicht. War es noch nie. Ich brauchte noch nie ein neues Auto und teure Möbel. Ich stand noch nie auf teure Kleidung und superteure Urlaube. Ich brauchte noch nie die Wahnsinnskohle und teilte auch, wenn ich mal sehr wenig hatte, noch mit anderen. Warum also setze ich mich selber immer in den Mangel?

Gibt es nicht so'n kosmisches Gesetz der Anziehung? Habe ich mal irgendwo gelesen. Geht ungefähr so. Wenn ich immer sage, was ich nicht habe, reagiert das Universum mit nicht-zur-Verfügung-stellen. Wenn ich im Gegenteil sage, ich habe alles. Dann lebe ich im Fluss. Dann "denkt" das Universum, sie hat, also geben wir ihr, weil sie hat ja. Wer hat, muss haben. Ohne was haben, hat ja niemand was. Comprende? So, und da ich aber nun in einer Stadt lebe, in der es immer schon mega wichtig war, auf die richtige Schule zu gehen, die richtigen Marken am Leib zu tragen, in der richtigen Straße zu leben, das richtige Auto zu fahren und die richtigen Leute zu kennen, habe ich mich diesem unausgesprochenen Druck immer gebeugt. Immer gedacht, was ich habe und mache, ist zu wenig. Was ein Bullshit. Ich selber, Birgitta, tief in meinem Inneren habe eine ganz andere Meinung. Es ist mir wurscht, wer was fährt oder was anhat oder wohingeht oder was auch immer arbeitet. Ich mag Menschen oder ich mag sie nicht. Unabhängig von ihrem äußeren Schnickschnack. Ich könnte mich also nun den ganzen Abend und die ganzen Ostertage weiter damit stressen, dass ich angeblich nichts und kein Geld habe. Mache ich aber nicht. Will ich nicht. Ich werde nicht unter einer Brücke schlafen. Dazu glaube ich viel zu sehr daran, dass auch mir Menschen hilfreich zur Seite stehen werden. Und ich bin nicht mehr bereit, mich mies, unattraktiv, alt oder halbwertig zu fühlen, weil kein Mann an meiner Seite ist.

Ich habe fürstlich gegessen, als ich wieder zuhause angekommen war. Es gab von allem reichlich: Tomaten, Gurke, Halumi, Zitronenwasser, Gehacktespfanne mit frischer Petersilie, Fladenbrot, gekochte Eier. Ich bin so satt und so genährt. Das ist ein Geschenk. Ich bin beschenkt worden. In meinem Leben gibt es so viel Reichtum jenseits von einem Mercedes-Cabrio, jenseits von H., jenseits vom Jobcenter. By the way, gleich mache ich meinen Feuerkorb an, trinke einen Sekt auf meine neue Stelle. Ich werde in Gedanken meiner Freundin zuprosten, die mir heute geschenkt hat, dass sie den Hundefriseur bezahlt und mir das Geld für die Frauengruppe leiht.

Und kurz vorm Schlafengehen noch ein lecker Espresso. Aus der weltbesten alten, gußeisenen Espressokanne, die sich meine schimpft. Ganz kurz vor dem Einschlafen werde ich dann nochmal mit beiden Händen zart in das satte, weiche, warme Fell des allerbesten Hundes der Welt greifen und mich freuen, weil ich ihn so liebe. Ich werde an ihm schnuppern und Liebe tanken. Raus aus dem Mangel, alles Geschenke öffnen, mich daran erfreuen, und nichts für Selbstverständlich nehmen. Ich muss nicht hungern, ich bin gesund, ich bin nicht alleine, habe einen Hund, eine Familie, eine wunderbare Tochter, eine tolle Freundin, ich habe so viel! Das sind meine Ostergeschenke.