Mittwoch, 22. Januar 2020

1.. Kapitel ohne Namen

Super Einstieg. Ich weiß gar nicht, wie ich die Geschichte starten soll. Der Kontakt mit euch? Der Kontakt mit der „Anderswelt“? So wollte ich es erst nennen. Aber irgendwie kam ich mir dabei schäbig vor. Anderswelt. Wieso Anderswelt? Es ist doch auch in meiner Welt. „Es“, als hätte ich nicht mal Mut, das Kind beim Namen zu nennen. „Ihr“ seid doch auch ein Teil meiner Welt. Ihr habt heute kurz in meine reingeschnuppert. Und ich in einen mikroskopisch kleinen Teil von eurer Welt.

Ich bin heute Morgen zur Essensausgabe neben der Clemenskirche gefahren. Eigentlich wollte ich da heute gar nicht hin, die Sachen zuhause liegenlassen. Ich habe Zeug über, das ich nicht mehr trage. Wintersachen, die ich gerne verschenken wollte. Bei euch ist aber schon um 13 Uhr die Tür geschlossen. Und trotzdem hat mich an meinem freien Tag, mit Erkältung und Spätfrühstück weil lange schlafen, irgendetwas dorthin gezogen.

Neben einem hübschen kleinen Café, ein paar Stufen runter, in den Keller und schon fühle ich mich wie verschluckt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich gucke nur, total viele Eindrücke prasseln auf mich ein, einige Männer und Frauen sitzen und stehen irgendwie herum, schauen mich an und ich suche die Stange, an der ich mich festhalten kann. Irgendeinen gewohnten Impuls in mir hervorholen, damit ich die Situation kontrollieren kann. Mein Kopf rast. Wer sind die? Wer ist wer? Also wer ist quasi Personal dieser sozialen Einrichtung und wer ein armer Mensch? Ich habe echt gedacht: „Hoffentlich denken die jetzt nicht, ich bin eine von ihnen“. Kaum unten im Keller angekommen, stehe ich in der Küche. „Ja?“, ruft mir eine nicht ganz so liebevoll dreinblickende dunkelhaarige Frau so um die 60 zu. „Ich bin es. Mutter Theresa“. Warum guckt die mich nicht freundlich an?

Ich stottere, verhaspel mich, erkläre, frage, ob ich Sachen loswerden kann, ob sie etwas gebrauchen können. Ich will mich ja eben nicht wie Mutter Theresa benehmen. Aber ich komme mir so klein und bescheuert vor. „Kismkrfs, kannst du das mal übernehmen?“, sagt sie zur sehr langhaarigen, Mitte 50er Frau, die neben mir steht. Diese nickt und sagt, ich solle mit nach hinten gehen. Ich brauche es so, dass die jetzt nett ist. Sie ist es tatsächlich. Ich versuche die ganze Zeit herauszufinden, ob sie obdachlos ist oder eine vom – keine Ahnung - Personal? Ich brauche immer noch in mir das Gefühl, ich stehe auf einer anderen Stufe. Auch wenn ich das gar nicht will, dieses scheiß Programm läuft wie automatisch in mir ab.

Sie ist nett, und sie bleibt nett. Ich bin durcheinander, unsicher, aber egal. Wir plaudern fast, machen Smalltalk über Kleidung, Nähen, sie lobt meine schönen Schuhe, die ich mitgebracht habe. Wie sie sich freut. Das freut mich. Dann lädt sie mich auf Kaffee und Kuchen ein. Eigentlich will ich ablehnen, aber auch das gelingt mir nicht. Also sitze ich am Tisch mit Männern und einer Frau, die ich alle nicht kenne. Sie machen mir Angst. Ich weiß nicht so genau, warum. Irgendein „Tom“ bietet mir seine Tasse an, weil keine frischen mehr auf dem Tisch stehen. Ich unterhalte mich mit einer Frau über ihre Wohnung und wie teuer das Leben ist. Gegenüber schaue ich in ultra nette Augen. Ein älterer Mann. Blaue Strickmütze auf dem Kopf, Norwegerpullover. Ich bin fast dankbar, dass er mit mir redet, denn die Dame zu meiner Rechten geht einfach. „Tschüss“, mehr sagt sie nicht. Sie hat nicht mal angekündigt, dass sie gleich gehen wird. Ich bin ein Bündel Unsicherheit.

Er, der ältere und ich reden über Wetter, Kälte, Alaska. Dort hat er gelebt, ist LKW gefahren, liebt die Natur und die Einsamkeit und Kälte. Wie mein Papa. Der war auch Fernfahrer. Das kannste nur sein, wenn du nicht so viele Menschen um dich haben willst. Auch er steht irgendwann auf und geht einfach. Jetzt sitze ich total verloren hier an dem Tisch. Rechts von mir, es ist als würde ein Scanner in mir den Raum abtasten, damit mir ja nichts „passiert“ sitzen drei oder vier Männer am Tisch, essen Kuchen, trinken Kaffee und unterhalten sich. Keiner lächelt mich an. Wow! Ich habe immer noch Schiss. Wie sehr ich es doch brauche, dass ich die Situation kontrollieren kann und alle mir versichern, dass sie mir nichts tun werden. Wie irrational ist das?

Ich glaube, ich habe Schiss, dass mich einer von denen mit einer Alkoholfahne anlallt, böse austickt, weil betrunken, einen Streit anzettelt oder mich irgendwie doof anfasst und ich einfriere. Ich friere immer ein bisschen ein, wenn mich Menschen, denen ich es nicht erlaube oder die ich nicht kenne einfach anfassen. Hier ein Tätschler am Armt, dort wie zufällig an der Schulter gestreift. Ich hasse das. Ich glaube, für mich ist das einfach gerade eine unfassbar emotionale Situation. Neues Terrain, vielleicht dreht man da schon mal ein bisschen durch. Fakt ist, keiner tut mir hier was Böses. Es muss mich auch niemand anlächeln. Antatschen – Fehlanzeige.

Ich schaue mich in dem Raum um. Er ist nicht gerade groß und nicht gerade schön. Zwei, drei einfache Tische, bisschen Deko auf der staubigen Fensterbank, ein paar Fotos. Ein großes Holzkreuz an der Wand. Darauf stehen Namen von Besucher*innen dieser Räume, die verstorben sind. Das berührt mich. Hier wird sicher schneller gestorben, weil die Menschen keine Chance haben so gesund zu leben, wie sie es bräuchten, um nicht so schnell an dieses Holzkreuz zu kommen. Ich schaue nach links. Die nette Frau vom Anfang, deren Namen ich mir nicht merken konnte, sitzt mit Tom am Nebentisch. Ich möchte zu ihnen und rücke einfach rüber. Sie lächelt mich an, auch Tom lächelt und schiebt mir einen Teller mit Kuchen und Keksen vor meine Nase. Ich frage sie nach ihrem Namen. „Tina“, sagt sie und lächelt mich unfassbar nett an.

Also sitze ich mit Tina und Tom und noch zwei anderen noch eine Weile hier herum. Es gibt Kaffee und Kuchen. Das Essen kommt von nebenan aus der Krankenhausküche. Und so können hier bedürftige Menschen jeden Tag in der Mittagszeit essen. Ob umsonst, weiß ich nicht. Vielleicht. Vielleicht müssen sie aber auch nur einen kleinen Obolus für ein Mittagessen, Nachtisch, Kaffee, Tee, Kuchen oder Gebäck zahlen. Die Stimmung hier ist angenehm. Es geht ruhig zu, nett, irgendwie entspannt. Oder bin ich entspannter. Tina's kleiner Hund Sammy streift hier auch durch die Räume. Er kommt an unseren Tisch und lässt sich von mir ein bisschen kraulen. Ich spüre ganz weiches, dichtes Fell. Sammy ist schon ein wenig grau um die Nase. Er blickt mich mit sanften, rehbraunen Augen an.

Tom erzählt von sich, dass er Nymphensittiche hatte und früher beinahe wie ein Messie gelebt hat. Er ist ein schöner Mann, groß, sehr schmal, angenehme Stimme, schöne Augen. Reflektiert, vielleicht hatte ich das nicht erwartet. Wie voreingenommen ich doch bin. Als Tom die Geschichte von seinem fordernden Vogel erzählt, der ihm klar gezeigt hat, wann und wo er bitteschön gestreichelt werden möchte, kommen wir aus dem Kichern nicht mehr raus. Ich fühle mich wohl. Als Tina erzählt, dass sie auch Dekoartikel, Geschirr und Sonstiges zur Wohnungseinrichtung annehmen, frage ich Tom, der sich gerade eine Wohnung einrichtet, was er braucht. Wie unfassbar dumm von mir! Ich ärgere mich darüber, auch jetzt beim Schreiben wieder. Tom hat sportlich reagiert, nämlich gar nicht. Als ich ihn fragte, sagte er, er würde gerade Tina zuhören und könne jetzt nicht antworten. Bam! Zack, vorgeführt!

Um kurz nach Eins werden wir fast rausgefegt. Die Leute, die hier arbeiten, fangen geräuschvoll an, abzuräumen. Also ziehe ich mich an, verabschiede mich mit Ghetto-Faust von Tom – seine Idee – und gehe nach oben. Raus. Auf die Straße. An der Tür steht Tina. Irgendwie komme ich nicht richtig los. Tina und ich unterhalten uns noch eine ganze Weile. Über ihr schwaches Herz, ihre Pferde, meinen Hund. Plötzlich bittet sie mich, wiederzukommen. Es wäre schön, wenn ich nochmal käme. Kontakt nach „außen“ täte ihren Leuten hier gut, sagt sie. Und ich kann es irgendwie verstehen. Ich spüre, dass es richtig ist, gut ist. Ob ich mich traue, weiß ich nicht. Aber ich habe ja noch ein paar Sachen zuhause, die ich mitbringen könnte. Deckmantel „ich bringe euch was“. Meinem Herzchen hat die Mittagsstunde mit euch gut getan. Wenn das hier ein Buch wird. Über euch und mich. Dann nenne ich es: „Tina und Tom“.

Zum Abschied umarmen wir uns.