1.. Kapitel ohne Namen
Super
Einstieg. Ich weiß gar nicht, wie ich die Geschichte starten soll.
Der Kontakt mit euch? Der Kontakt mit der „Anderswelt“? So wollte
ich es erst nennen. Aber irgendwie kam ich mir dabei schäbig vor.
Anderswelt. Wieso Anderswelt? Es ist doch auch in meiner Welt. „Es“,
als hätte ich nicht mal Mut, das Kind beim Namen zu nennen. „Ihr“
seid doch auch ein Teil meiner Welt. Ihr habt heute kurz in meine
reingeschnuppert. Und ich in einen mikroskopisch kleinen Teil von
eurer Welt.
Ich
bin heute Morgen zur Essensausgabe neben der Clemenskirche gefahren.
Eigentlich wollte ich da heute gar nicht hin, die Sachen zuhause
liegenlassen. Ich habe Zeug über, das ich nicht mehr trage.
Wintersachen, die ich gerne verschenken wollte. Bei euch ist aber
schon um 13 Uhr die Tür geschlossen. Und trotzdem hat mich an meinem
freien Tag, mit Erkältung und Spätfrühstück weil lange schlafen,
irgendetwas dorthin gezogen.
Neben
einem hübschen kleinen Café, ein paar Stufen runter, in den Keller
und schon fühle ich mich wie verschluckt. Irgendwie hatte ich das
Gefühl, ich gucke nur, total viele Eindrücke prasseln auf mich ein,
einige Männer und Frauen sitzen und stehen irgendwie herum, schauen
mich an und ich suche die Stange, an der ich mich festhalten kann.
Irgendeinen gewohnten Impuls in mir hervorholen, damit ich die
Situation kontrollieren kann. Mein Kopf rast. Wer sind die? Wer ist
wer? Also wer ist quasi Personal dieser sozialen Einrichtung und wer
ein armer Mensch? Ich habe echt gedacht: „Hoffentlich denken die
jetzt nicht, ich bin eine von ihnen“. Kaum unten im Keller
angekommen, stehe ich in der Küche. „Ja?“, ruft mir eine nicht
ganz so liebevoll dreinblickende dunkelhaarige Frau so um die 60 zu.
„Ich bin es. Mutter Theresa“. Warum guckt die mich nicht
freundlich an?
Ich
stottere, verhaspel mich, erkläre, frage, ob ich Sachen loswerden
kann, ob sie etwas gebrauchen können. Ich will mich ja eben nicht
wie Mutter Theresa benehmen. Aber ich komme mir so klein und
bescheuert vor. „Kismkrfs, kannst du das mal übernehmen?“, sagt
sie zur sehr langhaarigen, Mitte 50er Frau, die neben mir steht.
Diese nickt und sagt, ich solle mit nach hinten gehen. Ich brauche es
so, dass die jetzt nett ist. Sie ist es tatsächlich. Ich versuche
die ganze Zeit herauszufinden, ob sie obdachlos ist oder eine vom –
keine Ahnung - Personal? Ich brauche immer noch in mir das Gefühl,
ich stehe auf einer anderen Stufe. Auch wenn ich das gar nicht will,
dieses scheiß Programm läuft wie automatisch in mir ab.
Sie
ist nett, und sie bleibt nett. Ich bin durcheinander, unsicher, aber
egal. Wir plaudern fast, machen Smalltalk über Kleidung, Nähen, sie
lobt meine schönen Schuhe, die ich mitgebracht habe. Wie sie
sich freut. Das freut mich. Dann lädt sie mich auf Kaffee und Kuchen
ein. Eigentlich will ich ablehnen, aber auch das gelingt mir nicht.
Also sitze ich am Tisch mit Männern und einer Frau, die ich alle
nicht kenne. Sie machen mir Angst. Ich weiß nicht so genau, warum.
Irgendein „Tom“ bietet mir seine Tasse an, weil keine frischen
mehr auf dem Tisch stehen. Ich unterhalte mich mit einer Frau über
ihre Wohnung und wie teuer das Leben ist. Gegenüber schaue ich in
ultra nette Augen. Ein älterer Mann. Blaue Strickmütze auf dem
Kopf, Norwegerpullover. Ich bin fast dankbar, dass er mit mir redet,
denn die Dame zu meiner Rechten geht einfach. „Tschüss“, mehr
sagt sie nicht. Sie hat nicht mal angekündigt, dass sie gleich gehen
wird. Ich bin ein Bündel Unsicherheit.
Er,
der ältere und ich reden über Wetter, Kälte, Alaska. Dort hat er
gelebt, ist LKW gefahren, liebt die Natur und die Einsamkeit und
Kälte. Wie mein Papa. Der war auch Fernfahrer. Das kannste nur sein,
wenn du nicht so viele Menschen um dich haben willst. Auch er steht
irgendwann auf und geht einfach. Jetzt sitze ich total verloren hier
an dem Tisch. Rechts von mir, es ist als würde ein Scanner in mir
den Raum abtasten, damit mir ja nichts „passiert“ sitzen drei
oder vier Männer am Tisch, essen Kuchen, trinken Kaffee und
unterhalten sich. Keiner lächelt mich an. Wow! Ich habe immer noch
Schiss. Wie sehr ich es doch brauche, dass ich die Situation
kontrollieren kann und alle mir versichern, dass sie mir nichts tun
werden. Wie irrational ist das?
Ich
glaube, ich habe Schiss, dass mich einer von denen mit einer
Alkoholfahne anlallt, böse austickt, weil betrunken, einen Streit
anzettelt oder mich irgendwie doof anfasst und ich einfriere. Ich
friere immer ein bisschen ein, wenn mich Menschen, denen ich es nicht
erlaube oder die ich nicht kenne einfach anfassen. Hier ein Tätschler
am Armt, dort wie zufällig an der Schulter gestreift. Ich hasse das.
Ich glaube, für mich ist das einfach gerade eine unfassbar
emotionale Situation. Neues Terrain, vielleicht dreht man da schon mal
ein bisschen durch. Fakt ist, keiner tut mir hier was Böses. Es muss
mich auch niemand anlächeln. Antatschen – Fehlanzeige.
Ich
schaue mich in dem Raum um. Er ist nicht gerade groß und nicht
gerade schön. Zwei, drei einfache Tische, bisschen Deko auf der staubigen Fensterbank,
ein paar Fotos. Ein großes Holzkreuz an der Wand. Darauf stehen
Namen von Besucher*innen dieser Räume, die verstorben sind. Das
berührt mich. Hier wird sicher schneller gestorben, weil die
Menschen keine Chance haben so gesund zu leben, wie sie es bräuchten,
um nicht so schnell an dieses Holzkreuz zu kommen. Ich schaue nach
links. Die nette Frau vom Anfang, deren Namen ich mir nicht merken
konnte, sitzt mit Tom am Nebentisch. Ich möchte zu ihnen und rücke
einfach rüber. Sie lächelt mich an, auch Tom lächelt und schiebt
mir einen Teller mit Kuchen und Keksen vor meine Nase. Ich frage sie
nach ihrem Namen. „Tina“, sagt sie und lächelt mich unfassbar
nett an.
Also
sitze ich mit Tina und Tom und noch zwei anderen noch eine Weile hier
herum. Es gibt Kaffee und Kuchen. Das Essen kommt von nebenan aus der
Krankenhausküche. Und so können hier bedürftige Menschen jeden Tag
in der Mittagszeit essen. Ob umsonst, weiß ich nicht. Vielleicht.
Vielleicht müssen sie aber auch nur einen kleinen Obolus für ein
Mittagessen, Nachtisch, Kaffee, Tee, Kuchen oder Gebäck zahlen. Die
Stimmung hier ist angenehm. Es geht ruhig zu, nett, irgendwie
entspannt. Oder bin ich entspannter. Tina's kleiner Hund Sammy
streift hier auch durch die Räume. Er kommt an unseren Tisch und
lässt sich von mir ein bisschen kraulen. Ich spüre ganz weiches,
dichtes Fell. Sammy ist schon ein wenig grau um die Nase. Er blickt
mich mit sanften, rehbraunen Augen an.
Tom
erzählt von sich, dass er Nymphensittiche hatte und früher beinahe
wie ein Messie gelebt hat. Er ist ein schöner Mann, groß, sehr
schmal, angenehme Stimme, schöne Augen. Reflektiert, vielleicht
hatte ich das nicht erwartet. Wie voreingenommen ich doch bin. Als
Tom die Geschichte von seinem fordernden Vogel erzählt, der ihm klar
gezeigt hat, wann und wo er bitteschön gestreichelt werden möchte,
kommen wir aus dem Kichern nicht mehr raus. Ich fühle mich wohl. Als
Tina erzählt, dass sie auch Dekoartikel, Geschirr und Sonstiges zur
Wohnungseinrichtung annehmen, frage ich Tom, der sich gerade eine
Wohnung einrichtet, was er braucht. Wie unfassbar dumm von mir! Ich
ärgere mich darüber, auch jetzt beim Schreiben wieder. Tom hat
sportlich reagiert, nämlich gar nicht. Als ich ihn fragte, sagte er,
er würde gerade Tina zuhören und könne jetzt nicht antworten. Bam!
Zack, vorgeführt!
Um
kurz nach Eins werden wir fast rausgefegt. Die Leute, die hier
arbeiten, fangen geräuschvoll an, abzuräumen. Also ziehe ich mich
an, verabschiede mich mit Ghetto-Faust von Tom – seine Idee – und
gehe nach oben. Raus. Auf die Straße. An der Tür steht Tina.
Irgendwie komme ich nicht richtig los. Tina und ich unterhalten uns
noch eine ganze Weile. Über ihr schwaches Herz, ihre Pferde, meinen
Hund. Plötzlich bittet sie mich, wiederzukommen. Es wäre schön,
wenn ich nochmal käme. Kontakt nach „außen“ täte ihren Leuten
hier gut, sagt sie. Und ich kann es irgendwie verstehen. Ich spüre,
dass es richtig ist, gut ist. Ob ich mich traue, weiß ich nicht.
Aber ich habe ja noch ein paar Sachen zuhause, die ich mitbringen
könnte. Deckmantel „ich bringe euch was“. Meinem Herzchen hat
die Mittagsstunde mit euch gut getan. Wenn das hier ein Buch wird.
Über euch und mich. Dann nenne ich es: „Tina und Tom“.
Zum Abschied umarmen wir uns.
Zum Abschied umarmen wir uns.