Mittwoch, 4. März 2020


Betteln mit System?

Gibt es das überhaupt? Kann man das überhaupt? Bin ich naiv oder einfach nur Mensch? Mensch, der beobachtet, Fragen hat, aber keine Antworten?

Mein Zahnarzt hat das beste Wartezimmer der Welt. Der Ausblick ist gigantisch. Ich schaue, während ich warte, auf einen Platz voller Menschen. Eine Straße vor dem Haus, Zebrastreifen vom Bürgersteig zum Platz gegenüber. Linke Seite eine Reihe Geschäfte, auf der Ecke ein Bäcker mit Außenfenster. Rechte Seite Spielplatz, Büsche, Fahrradständer. Viele Fahrradständer, weil Münster. Auf der Bäckerseite ist eine Laterne. An diese Laterne angelehnt sitzt ein Bettler. Ein Mann, ein älterer Mann, ich schätze ihn auf 70. Sein Gesicht ist braungebrannt und zerfurcht von Falten. Graue kurze Haare. Er hockt auf einer Decke, neben ihm liegt ein Gehstock, ein Beutel, irgendwas an Kleidung. Vor ihm auf dem Gehsteig ein Kaffee-Pappbecher, den er ab und zu anhebt, mit ihm hin- und herwackelt, wenn Leute vorbeikommen.

Ich frage mich, während ich die Szenerie beobachte und ihn studiere, ob er mit System bettelt. Wen spricht er an, wen nicht? Er lässt viele Passanten an sich vorbeiziehen, einige schaut er an und wackelt mit seinem Becher. Frau mit Kinderwagen, kein Wackeln. Ältere Dame, Wackeln. Einzelner Herr, Mitte 60,  Wackeln. Junge Frau im Sportdress, geht ganz nah an ihm vorbei, schaut ihn an, kein Wackeln. Ich versuche ein Muster zu erkennen, aber es zeigt sich keins. Ein anderes Muster plöppt auf. Die Menschen gehen ihm, noch bevor sie an ihm vorbei müssen, aus dem Weg. Sie kürzen den Zebrastreifen in der Mitte ab und laufen schrägt hinter ihm über die Straße, bloß um nicht an ihm vorbeizulaufen. Sie sehen ihn und gehen komplett ignorierend an ihm vorbei, Wackeln oder nicht. Sie wechseln die Straßenseite. Ein Mann fällt aus diesem Bild heraus. Ein junger Typ, Mitte 20, Typ Migrationshintergrund. Er geht auf ihn zu und spricht mit dem Bettler. Dann geht er zum Bäckerfenster und bestellt etwas. Ein paar Minuten später bringt er dem Mann einen Becher mit einem Getränk und eine pralle Tüte. Der alte Mann, der auf dem Boden sitzt, faltet die Hände zum Gebet, fasst sich ans Herz und dann an die Stirn. Eine unfassbar nette Geste, wie ich finde. Sehr liebevoll, sehr berührend. Der junge Mann geht weiter, der Bettelnde legt die Sachen recht und links neben sich und rutscht auf seiner Decke ein paar Mal hin und her, bevor er wieder den Becher hebt und ihn wackelnd den Passanten entgegenhält.

Ich frage mich, ob der Bettler einer Bande angehört. Einem Trupp von Menschen, die von Ausbeutern auf die Straße geschickt werden. Männlein wie Weiblein und auch junge Frauen, die angehalten werden, Kohle nach Hause zu bringen, damit Mr. Wichser sich einen teuren Schlitten leisten kann. Ist das ein Mythos? Ist es gar egal? Denn Betteln ist immer ein Zeichen von Not. Ob alleine oder organisiert. Nicht jedem Menschen ist gegeben, durch einen "anständigen" 9-to-5-Job seine Brötchen zu verdienen. Ich komme zu keiner Conclusio. Jeder meiner Gedanken hierzu fühlt sich kalt und schäbig an. Ich bin die Glückliche, die hier oben am Fenster sitzt, eine Krankenversicherung hat, neue Zähne bekommt, gleich nach Haus in ihre warme Wohnung fährt und schaut, was alles im Kühlschrank ist.

Zwei Tage später treffe ich den bettelnden Mann wieder. Diesmal läuft er auf "meiner Straße" an mir vorbei. Er hat einen Gehstock und ordentliche, "gute" Kleidung an. Jaha, darauf habe ich geachtet, heimlich. Da war wieder einer. Ein schäbiger Gedanke: "Wieso bettelt er, er hat das doch gar nicht nötig". Ein hübsches Gesicht hat er, schöne, tiefe blaue Augen, viele Falten. Ein Gesicht, dass vom Leben spricht. Seine Ausstrahlung ist positiv. Spüre ich das auch, wenn ich an ihm vorbeigehe und er bettelt?