Sonntag, 29. März 2020


Covid19, du kleiner Scheißer!

Der Virus und ich. Wir sind keine Freunde, und doch leben wir in einer Art Zweckgemeinschaft. Du lehrst mich, die kleinen Wahrnehmungen zu schätzen. Die bunte Blume, ein Vogelzwitschern, einen Hauch von Waldmeisterduft, Sonnenstrahlen. Mit Sonnenstrahlen stehe ich viel leichter auf. Was ich sonst eher am Rande, wenn überhaupt, hingenommen habe, wird plötzlich essenziell für mein Wohlbefinden. Ich koche gesündere Sachen, als sonst. Ich verbrauche meine Lebensmittel, anstatt sie achtlos wegzuwerfen, nachdem sie lange im Kühlschrank vor sich hingereift sind. Ist Putzen jetzt wirklich wichtig oder Ausruhen? Muss ich jetzt eine to-do-Liste abarbeiten, um meine Angst nicht zu spüren oder höre ich lieber Musik. Denn, wenn der Tod kommt, ist die Melodie in meiner Erinnerung schöner als die Hetze mit der ich an to-do-Listen entlangschrappe. Plötzlich ist Zeit haben ein Luxus für mich. Ich muss nicht aufstehen, zur Arbeit, zu den ... Kollegen, zum ... Chef. Ich muss gar nichts mehr. Wenns hart auf hart kommt, muss ich noch nichtmal meine Miete zahlen. Ich muss nur ruhen, beobachten, schlafen, nachdenken, essen, liebe Menschen kontaktieren und dann wieder ruhen. Und Musik hören, Filme gucken, im Bett frühstücken, im Bett liegen, ausruhen. Über Beziehungen nachdenken, über mich nachdenken. Altes betrauern, verabschieden, überlegen, wer ich bin. Beobachten, was an Gefühlen und Gedanken hochkommt, anklopft, rein möchte.

Meine Gefühle, denen ich dich Tür aufgemacht habe, damit sie sich ins Wohnzimmer meines Seins setzen können, waren wie eine Horde Klingelmännchen. Ständig klingelte es an der Tür, ständig drängelten neue Gefühle in meine Wohnstatt. Unruhe, Zweifel, Sorgen, Zappelphillipp, Müdigkeit, Chaos, Sucht, Ausflucht, Kichern, Nervosität, Ablehnung, Kopfschütteln, Albernheit, Scham, Wut. Alle diese kleinen Scheißer saßen bei mir und redeten durcheinander. Ich war total überfordert. Bis plötzlich die Angst anklingelte. Was rede ich? Bis die Angst die Tür eintrat und sich auf alle anderen kleinen Scheißer draufsetzte.

Aber so war es gar nicht. Ich habe nicht aufgemacht. Ich habe allen diesen kleinen Mitbewohnern meiner Selbst nicht aufgemacht. Bis zu dem Moment, als ein zartes Klöpferchen in meinem Herzen zu mir drang. Es war, als stünde ein kleines, verzagtes, äußerst schüchternes Mädchen vor meiner Tür. Sie traute sich kaum zu klingen, sich an mich zu wenden. Bei der leisesten zu lauten Regung von mir würde sie wie ein Zigarettenwölkchen zerwehen und wieder weg sein. Das war mir in dem Moment klar, als ich sie spürte, vor meinem inneren Augen sehen konnte.

Das ist meine Angst. Dieses kleine Mädchen ist meine Angst. Sie hat Angst, da zu sein, sie hat Angst, sich an jemanden zu wenden, sie hat Angst, Menschen zu treffen, sie hat Angst, geliebt zu werden, sie hat Angst, abgelehnt zu werden, sie hat Angst, weggeschickt zu werden. Sie hat Angst, krank zu werden, alleine zu sein, zu sterben.

Also, Covid19, du Arschloch. Ich habe keine Angst mehr vor dir. Denn ich habe meine Angst schon bei mir. Ich liebe meine Angst, ich liebe mich. Ich werde mich so gut es geht vor dir schützen. Und solltest du doch zur mir gelangen, so werde ich es meinem Geist und meinem Körper überlassen, sich um dich zu kümmern. Ich vertraue ihnen, dass sie mit dir fertig werden. Ich bin mehr als meine Angst vor dir. Ich bin Leben. Du bist auch Leben, aber such dir einen anderen Wirt. Ich werde dich nicht beherbergen und dich nähren. Ich werde meine Liebe zu mir beherbergen und sie pflegen, bis ich mit 99 gehe. Das habe ich bestellt, und so soll es sein. Und bis dahin schnuppere ich weiter an duftenden Blumen, greife meinem Hund ins Fell und küsse ihn, streite ich mit meiner Tochter und liebe sie, streite ich mit anderen und versöhne mich wieder, bis dahin werde ich lachen, lieben, gut essen, schlafen, mich freuen, albern sein, Langeweile haben, Regen und Kälte hassen, Kaffee lieben und hoffentlich immer mehr meine eigene Freundin sein.