Samstag, 23. Januar 2021

 Ich gehe ...

... gegen meine Depressionen. Jeden Tag. Eine Stunde. Irgendwo lang und zurück.


Ich schreibe ...

... gegen meine Dämonen. Heute war Dämon "Alle sind besser als ich" mit auf dem Weg.


Irgendwo hingehen, weil man dort etwas abgeben muss, zählt nicht. Brief zur Krankenkasse oder Brief zur Caritas (beides in der Nähe) zählt nicht zum Gehen gegen Depressionen. Das wäre geschummelt. Also beide Briefe eingeworfen und dann in der Sonne zum Kanal. Ich wollte auf die andere Seite des Hafens, die B-Side. Das runtergekommene Viertel des Hafens. Aber überall Bauzäune und Baustellen. Hier kriechen also jetzt auch die Investoren durch dornige Mann-hohe Unkraut und greifen sich die größten Stücke vom Kuchen ab, so lange er noch da steht. Ich bin trotzdem weiter durch das alte morbide Industrieviertel am Kanal gelaufen. Die Sonne war schön, der Wind kalt. Und in so 'nem halb Abbruch-halb Neubau-Viertel sind kaum Menschen unterwegs. Weiter am Kanal, vorbei an Papa's altem Betonwerk, mittlerweile abgerissen. Alte Mauerreste angesprayt, alte Matratzen, Fahrradleichen, Stoppelwiese, ein paar Zelte von wem auch immer, Glasflaschen, vergessene, rostige Bagger, ein Riesengelände. Schon seit Jahrzehnten abgerissen und vor sich hin dösend, ungenutzt. Die alte Roseman-Bridge wird abgerissen. Auch sie vollgesprayt und wunderschön. Alles weicht irgendetwas Neuem. Es macht mir manchmal Angst. Ich finde mich nicht mehr in meiner Heimatstadt. Tja, aber wenn es keine Veränderung gäbe, würde ich im Mittelalter leben. Und das wollte ich, bei Gott, noch nie!

Aus einer Stunde jeden Tag wurden heute zweieinhalb. Gehen tut so gut. So unfassbar gut. Als meine spanische Freundin am Anfang der Woche sagte: "Birchieta, duu muust jedden Tagg eine stuunde gähen. Das iist gut. Das isst sähr gut. Be u wegen, das muusst du maachen". Ich sagte: "Ja ja" und meinte "auf keinen Fall". 

Einer meiner ältesten Dämonen hat sich zum Ende der Runde zu mir gesellt. Genau in dem Moment, als ich bei Alex und Barney vorbeiging und die zwei an einem modernen kleinen Auto rumhantieren sah. Sofort drosch er auf mich. "Fuck Kennzeichen, wie spießig. J, E, Jule und Emil. Ist ja klar, dass DIE ihren Kindern Autos kaufen können. Diese zwei erfolgreichen Arschlöcher. Und dann schrauben sie auch noch den Autogepäckträger drauf. Hübsch nett für die Kinder. Ich gehe nochmal kotzen. Haben die überhaupt jemals Stress in ihrem Leben? Wissen die überhaupt, was Armut ist?" Als ich vorübergehe schaue ich weg. Ich schäme mich. Mir laufen Tränen über mein Gesicht. 

Verdammte Scheiße. Wo kommen all' diese verfickten, bösartigen Sätze her. Doch nicht von mir. So bin ich gar nicht. Zumindest gab es mich auch mal ohne diese ganze Hirnscheiße. Das ist alles von meinem Vater. Der Bergmann, der Brummifahrer, der nicht studieren durfte. Der frustriert und garstig auf die meisten Menschen seiner Umgebung schaute. Immer und immer wieder hat er mir eingehämmert, dass Bettina und Eva, und wer auch immer, mit MIR sowieso nichts zu tun haben wollen. "Lauf denen doch hinterher. Du machst dich ja lächerlich". Sie waren die Bösen in seinem Universum. Wir die Abgehängten. Aber Neid spritzte aus jeder seiner Zellen. Sie waren die Bösen, aber er spuckte hässliche Worte auf sie. Weil er es nicht geschafft hat, etwas aus seinem Leben zu machen, das ihm gefiel. Mir war es als Kind egal, wer oder was Bettina's oder Eva's Eltern hatten. Ich wollte nur spielen. Für mich gab es diese Standesdünkel gar nicht. Trotzdem hat er mich mit seinem Gift infiziert. Und so schaue ich heute auch auf die Welt. Durch seine Augen. Wie schwer wird es werden, mich auf mich zu konzentrieren und die anderen zu lassen? Einfach sein lassen. Vergleichen hat noch nie jemandem geholfen. Bei nichts! Mir hilft es auch nicht, mein eigenes Denken von Versagen und Verlusten zu überwinden. Dennoch spuken diese fremden, mir vertraut gewordenen Sätze, durch mein Denken, mein Leben, zersetzen meine Wahrnehmung.

Werde ich es jemals schaffen, an den Barneys und Alexandras dieser Welt vorbeizugehen und nichts zu denken? Nichts Böses, Feindliches, Neidisches? Einfach vorbeigehen, hinschauen, grüßen, leerer Kopf, frischer Wind im Denken ... und weitergehen?

Bis morgen!