Donnerstag, 25. September 2025

 

Scheiße, mein Hund stirbt

 

Ich wünsche MIR, nicht ihm, ich wünsche mir, dass wir ihn schnell erlösen. Auf jeden Fall nicht mehr warten, bis die 3 Monate rum sind, von der die Ärztin in der Tierklinik gesprochen hat. Alles ist besser, als diese scheiß Zeit auszuhalten. Ich komme mir nicht einmal egoistisch vor, ich halte es einfach nicht mehr aus. Mein geliebter Gandhi wird jeden Tag weniger. Ich hätte ihn schon letztes Wochenende einschläfern lassen können, als wir sonntags plötzlich mitten in der Nacht beim Notdienst-Tierarzt saßen, weil er kaum Luft bekam, ich dafür aber fast eine Panikattacke. Aber er hat noch Energie, Lebensenergie. Er geht unfassbar gerne meilenweit spazieren. Für mich ist es meditatives Gehen bei gleichzeitigem Aushalten meiner Ungeduld, wenn wir mit 0 km/h durchs Viertel streifen. Mein Gefühl sagte mir, dass es noch nicht so weit war. Er will noch was. Die Ärztin war auch der Meinung, dass wir noch ein bisschen Zeit haben werden. Aber wieviel ist ein Bisschen?

Er wird jeden Tag weniger. Weniger kräftig, weniger sportlich, weniger frech, weniger Gourmet, weniger verschmitzt, weniger unser Prinz. Ein König wird er immer bleiben. Jetzt und für immer. Er ist ein König von Hund. Edel, gut, mit Haltung, Überzeugung (auch wenn unangebracht), freundlich, nachgiebig, verschmust. Bälle holen hat er MIR beigebracht, während er mit Blicken auf der Wiese auf mich wartete.

Ein kleiner Scheißer, ein ungarischer Haufen Elend. Verfilzt, verkannt, geschlagen, aber innen ein König. So kam er zu mir. Er sieht aus wie mein alter Teddy. Sein Aussehen und sein Wohnumfeld Tötungsstation haben mich bewogen, ihn zu kaufen, freizukaufen. 

Er lebt nicht die ganze Woche bei mir. Vorwürfe, ich habe ihn abgeliefert, durchwehten lange mein Herz. Ihm geht es gut. Bei meiner Mutter. Er konnte nochmal so richtig die Monarchen-Leiter aufsteigen. Warum ich so leide? Weil ich ihn unendlich und tief vermissen werde. Weil ich eine scheiß Angst vor dem Moment habe, in dem wir besprechen, wann wir ihn erlösen. Weil ich eine scheiß Angst davor habe, wie das Leben ohne ihn sein wird. Ohne unsere Zwiegespräche, unsere Schmuseeinheiten, unsere Rituale. Die guten wie die depperten. Ich werde vermissen, dass ich nie mit ihm als Schwimmer angeben konnte, er aber trotzdem in jeder Pfütze zuhause ist. Ich liebe seinen Geruch. Meine Nase in sein Fell tauchen und auftanken, mir einbilden, ich könne seinen Geruch unter Milliarden Gerüchen erkennen. Ich mag seine Art, erst auf Hunde zuzugehen, nur um dann zu grummeln. Ich mag es, wenn er vor Bäumen steht und meint, die Eichhörnchen ließen sich durch sein Gebell erweichen. Ich liebe es, wenn er "Hasi" anschlört und meint: "Jetzt ist Playtime!". Ich mag es, wenn er nachts im Traum bellt und irgendetwas hinterherjagd. Er ist mal im Wald zwei Stunden hinter einem Reh hergelaufen (ja, ich weiß!), saß dann irgendwo in selbigem, ließ sich von der Polizei abholen und, wie ich finde, stolz ob seines Tagwerks, bei mir zuhause absetzen. Voller Kletten und Gestrüpp aber mit einer Haltung, die seinesgleichen sucht. 

Ich muss für dich das Ende setzen, weil du es nicht kannst. Vergib mir, wenn ich es falsch mache! Ich werde dich nicht leiden lassen. Das konnte ich damals nicht, und das werde ich heute nicht. Vergib mir, dass ich es entscheiden muss!

Gandhido, Räuber, mein kleiner Mann, Pamperspo, Knopfauge, sprinte noch einmal mit mir über die Wiese und veräppel mich, wie du es oft getan hast.

Es gibt Momente, da hasse ich es zu lieben. Wer liebt, muss auch Abschied können. Scheiße! Eigentlich hatte ich noch 5 weitere Jahre bestellt, und jetzt geht der kleine Bro. Ich kann nichts tun. Ich kann es nur aushalten. Versuchen auszuhalten. Tief in mir höre ich einen Satz: "Ich werde mich nie wieder an jemanden binden, dann muss ich auch nichts aushalten".

Drehen wir eine Runde, mein kleiner Gandhi. (Gandhi, ind. der Fordernde)