Sunset
Als sie meine Brust massiert hat, habe ich mich gefragt, warum es mir nichts ausgemacht hat. Warum habe ich es genossen, keine Bedenken gehabt, keinen Fluchtimpuls, keine Angst verspürt. Warum kann mich ein mir gänzlich fremdes Wesen auf derlei Art und Weise anfassen und so emotional berühren? Während ich auf der Massageliege lag, spürte ich, wie sie sich von hinten über meine Kopf beugt. Ich spüre auf meiner Stirn ihre warme, weiche Brust. Sie riecht nach nichts. Nicht unangenehm aber auch nicht aufdringlich oder betont sauber. Ich spüre nur ihre Wärme, und es macht mir nichts aus. Ihre warmen Hände berühren meine obere Brust, nicht die Brüste. Sie massiert sanft das Gewebe und schiebt es von sich weg, irgendwie nach unten. Sie ist mir so nah. Alles, was ich spüre, ist diese sanfte und doch kräftige Bewegung und mein Erstaunen, dass ich mich weiter und weiter entspanne.
Ich habe eine Stunde Thai-Massage hinter mir. Die Frau, die nur ein einziges deutsches Wort: "umdrehen" zu mir gesagt hat, durchwalkt beinahe jedes meiner verpannten Körperteile. Sie knetet meinen Körper durch wie einen warmen Brotteig. Es tat so weh und doch so gut. Sie nimmt meine Hände in ihre warmen Hände, berührt gefährlich nah meine Beine in Richtung Vulva, knetet die Po-Backen, kreist mit stahlharten Fingern um jede Rippe, jeden Wirbel-Zwischenraum.
Mir stockt der Atem, wenn sie Schmerzpunkte findet, Stellen stahlharter Verspannungen trifft, massiert, ausstreicht, wieder massiert. Ich kann innerlich mitfühlen, wie diese Verhärtungen abfließen, beim erneuten Darüberstreichen keine Blockaden mehr spürbar sind. Ich tauche tiefer und tiefer in die wunderbare Welt der Berührungen ab, ihre Hände sind zwischendurch scheinbar überall. Eine Welle der Entspannung überrollt mich.
Ich soll mich aufsetzen. Sie kommt mit ihrem Gesicht ganz nah an meines, lächelt mich an. Plötzlich streichelt sie mein Gesicht, als wolle sie mich trösten. Spürt sie, dass mir diese Berührungen so fehlen? Ihre Hände sind warm, ihre Nähe ist liebevoll, respektvoll, ehrlich. Zum Schluss reibt sie meinen ganzen Körper mit einem heißen Waschlappen ab. Es ist wie eine sanfte Reinigung. Das Ende der Massage-Stunde.
Wie kann es sein, dass mir eine fremde Person so nah kommen kann? Cherrey heißt sie. Das erzählt mir die Chefin, die beim Verlassen des Massagesalons kassiert. Ich kenne Cherrey nicht, sie kennt mich nicht. Wir haben nicht miteinander gesprochen, und doch hat sie mir ganz viel gegeben. Ist das auch eine Form von Liebe, wenn man so unfassbar kräftig-liebevoll entspannt wird? Wahrscheinlich schon. Auch wenn ich dafür bezahlt habe. Geld gegen Dienstleistung oder eine Stunde voller wundersamer Berührung.
Danke, Cherrey, du fremdes, warmes, kräftiges Wesen!