41. Tag
Liebe Göttin,
noch immer rauche ich zu viel. Áber ich weine nicht mehr. Und Kontaktaufnahmen von mir aus gibt es auch keine mehr. Ich habe tausende und abertausende Mails (gefühlt) geschrieben, angerufen, Besuche abgestattet, geredet und nichts zurück bekommen. Außer den Vorwurf, ich hätte den Dolch im Gewand und würde kübelweise Dreck ausschütten. Das, was ich Verbindlichkeit, Zugewandtheit, Liebe nannte, nennt ein anderer Dreck. Ich weigere mich, das zu verstehen. Ich weigere mich, das noch weiter zu ergründen oder zu verzeihen. Ich weigere mich, innerlich zu verrohen.
Lange habe ich mich mit der Schuldfrage, so es denn eine gibt, beschäftigt. Ich bin nicht schuld. Ich bin nicht einmal falsch. Gestern habe ich die Vorzeichen neu verteilt. Vor seinen Namen setze ich ein Minus. Vor meinen Namen setze ich ein Plus. Ich bin genau richtig, so wie ich bin. Es geht vielmehr darum, sich einen Ort, einen Raum und Menschen zu suchen, an dem man und bei denen man richtig ist. Man sollte nicht dorthin gehen, wo man um Integrität kämpfen muss. Man sollte nicht in der Nähe von Menschen sein, die alte Spiele mit einem treiben. Orte, an denen man sich nicht wohlfühlt und Menschen, in dessen Nähe man sich klein und schlecht fühlt, muss man meiden. Damit es einem gut geht. Damit man sich wohl und geliebt fühlt. In diesem Raum kann man beginnen, sich selbst zu lieben.
"Ich liebe mich, weil es kein anderer für mich kann."
(Gudrun Kopp, geb. 1955, Lyrikerin, Aphoristikerin, Kinder- und Sachbuchautorin)