Dienstag, 25. Oktober 2016

Gitta fährt


Gestern war Tag 1 meines neuen Jobs als Fahrerin bei einem Krankenfahrdienst. Wenn ich morgens zum Dienst durch die - gefühlt - noch Nacht radel, leuchte ich wie ein Glühwürmchen. So viele Reflektorstreifen zieren mein Dienstoutfit. Macht mich aber auch stolz, so'n Zeug zu tragen. Steht überall drauf, wo ich arbeite. Ich sehe darin aus wie eine Sanitäterin.

Ich fasse mal kurz zusammen, weil heute ja schon Tag 2 ist:

Gestern Sprung ins kalte Wasser. 06:20 Uhr auf dem Hof, Schicht fängt aber erst später an. Super.
Riesen Auto, noch nie mit gefahren. Außenkamera, riesen Laderampe, so viel Bordelektronik wie ein Flugzeug, fehlende Sitze innen (die ich noch einbauen musste. Habe ich das schon mal gemacht? Nö.) Also stand ich da im Dunkeln und bat Gott: Erinnere mich bitte immer und immer wieder an meinen Wunsch, mich nicht aufzuregen, ich habe dich gebeten mitzufahren. Also sei jetzt auch hier und hilf mir.

Ich habe echt nette Kollegen. Einer von diesen netten Menschen half mir, den Sitz einzubauen und hat mir nochmal das ganze Gurt-Gedöns im Auto gezeigt. Ich will ja nicht, dass die Menschen, die ich mitnehme da hinten umeinanderpurzeln und sich wehtun. Weh tut denen sowieso schon zu viel. Deswegen fahre ich sie ja von A nach B und C oder sonstwo hin.

Insgesamt habe ich 4 Leutchen eingesammelt. Einen super netten, lustigen und absolut optimistischen Herrn mit 88! Wenn wir alle so wären oder werden im Alter können die Altenheime dicht machen. Auf Herrn XY habe ich mich schon gefreut. Den habe ich in der Einarbeitungswoche schon kennengelernt und ihn das "Highlight meines Tages" genannt. Während er sprach und lachte, stupste er mich immer an der Schulter an wie ein kleiner Junge, der sich riesig freut.

Die anderen Drei gestern waren gemischtes Publikum. Frau Z, die ich auch schon kannte, hatte eine rote Wollmütze auf. Das sah schön aus. Frieren ist für alte Menschen Folter. In der letzten Woche hatte sie nix auf'm Kopf und hat ganz schön gelitten bei der Kälte (auch sie kenne ich aus der Einarbeitungswoche). Die letzten beiden Gesellen und Gesellinnen waren auch klasse. Sehr entspannt trotz unentspannter Lebenslage. Das nenne ich mal sportlich. Herr W hat als Wegweiser fungiert, weil mein Navi aufgab.

Die schlechte Nachricht. Wir kamen zur Reha im Krankenhaus eine ganze Stunde zu spät. Die gute Nachricht. Es hat dort niemanden aufgeregt. Und es gab für die Herrschaften noch Frühstück und Kaffee. Ist eh' das Wichtigste. Frühstück auf der Prioritätenlisten der Rehapatienten gaaaanz oben. DIE Katastrophe des Jahres (für mich): Der morgendliche Stillstand am Schulbeginn nach den Herbstferien in meiner Stadt.

Das war gestern. Der Tag war so aufregend für mich, dass mir die Tränen kamen, als ich nach Dienstschluss vom Hof radelte. Ich musste erstmal "ein Pöttchen heulen". Ich habe es wohl gut gemacht, aber war ich stolz auf mich?


Gitta fährt - Tag zwei (also heute)

Ich dachte heute Morgen, es sind bestimmt gefühlte tausend Kunden auf dem Auftragszettel. Das kriegste NIE hin mit dem Entspanntbleiben. Aber nein, es war genau eine Kundin!
Um 7 Uhr ab in den kleinen Flitzer mit der Popoheizung. Oh, das tat gut. Alles schick und schnell eingestellt und denn man los. Aber DIE Katastrophe hielt an. Jede Straße dicht, überall Müllfahrzeuge und Sperrguttransporter, Baustellen, langsame Trecker (was zur Hölle machen die um diese Zeit in der Stadt?) und irre Radfahrer ohne Licht. Und tausende kleiner Schülerchen, die noch wackelig und müde durch den Verkehr eiern. Also Gott, sei wenigstens du wach und auf zack, damit ich es auch bin.

Eine junge, mehrfachbehinderte Dame habe ich abgeholt und erstmal kräftig einen auf den Deckel bekommen. Ich sei zu spät. Böser Blick. Von der Oma, wie mir die Begleitperson der Teenagerin im Wagen erzählte. Ich habe sie immerhin noch pünktlich an der Schule abgeliefert. Aber eine Frage lässt mich nicht los. Wie damit umgehen, wenn man einerseits wegen StauStauStau zu spät kommt und andererseit von jemanden, der wahrscheinlich sehr angespannt ist und sich Sorgen macht, einen Anranzer bekommt? Mantraspruch "Das hat mit mir nichts zu tun"? Ja wahrscheinlich. Stimmt ja auch irgendwie. Aber wenn sie mich nochmal so anpammt, muss ich mir etwas Anderes einfallen lassen. Vielleicht ihr die Angst nehmen, dass wir zu spät kommen. Zeit ist relativ. Wichtig ist ein ruhiges Herz.

Das waren sie, meine zwei ersten Tage. Und Gott fährt irgendwie doch mit. Zumindest lasse ich ihn/sie immer mal wieder auf den Sitz hopsen.

  
P. S.: Warum ich diesen Blog schreibe? Ich weiß nicht genau. Ich möchte mein Schreiben nicht vergessen. Denn dazu neige ich hin und wieder. Also fange ich einfach wieder an und hoffe, ihr habt Freude beim Lesen.