Donnerstag, 27. Oktober 2016

Gitta fährt


... mit dem Fahrrad zur Arbeit. Gestern hat mich ein älterer Herr - es sind immer "ältere Herren oder Damen", die ein E-Bike fahren - in zackigem Tempo überholt. Batterie hintendrauf, knallegelbes Jäckchen für den Helm (sieht so besch... aus) und denn man durch die Nacht. Brücke hoch, vor mir her, ich hechelnd hinterher. Ich habe mich so geärgert. Wieso müssen ausgerechnet die, die nicht mehr so weit weg sind von "Ich bin so unsicher auf dem Rad und der viiiele Verkehr, achherjee" ein E-Bike unter'm Hintern haben und ich aste hier mit meinem alten, schweren Hollandrad (Marke "Nostalgie" - kein Scherz) die Brücke hoch? Na ja, ihr kennt das. An der Ampel STAND er vor mir und musste genauso warten. Strike.

Ein Gedanke (ach was, hunderte) fuhr (fuhren) jetzt mit. Wie soll das alles gehen? Wir sollen Strom sparen, Geld sparen durch Ressourcenschutz und bald fahren wir alle E-Bike und E-Auto? Das passt hinten und vorne nicht zusammen. Wir verbraten jetzt schon alles an Ölvorkommen und Gas, was der Planet hergibt. Wir wollten Atomkraftwerke abschalten und zu regenerativen Energien wechseln. Mein Muskel IST so ein regeneratives Kraftwerk. Aber bestimmt nicht der Akku vom E-Bike. Und schon gar nicht die Akkus der Elektroautos, die angeblich ab 2030 ausschießlich auf unseren Straßen zugelassen sein sollen. Da werden aber wieder ein paar Pferde beim Kotzen zu beobachten sein. Mein Öko-Kraftwerk liefert jetzt schon morgens Energie. Ohne Steckdose.

Die Fahrerei macht riesen Spaß. Obwohl es auch nicht nur Fahrerei ist. Irgendwie kümmere ich mich auch um die Leutchen, die bei mir mitfahren. Zumindest habe ich das Gefühl. Ich möchte einfach, dass es ihnen gut geht, wenn sie mit mir fahren. Manche von ihnen sind aufgeregt, weil sie ins Krankenhaus müssen. Einige sind vielleicht ein bisschen entspannter, weil sie sowieso jeden Tag wohin fahren, wo man ihnen hilft: Ergo, Dialyse, Integrativschule, Rehasport, Tagesklinik und so weiter ...

Auf jeden Fall hat die Omi von dem Teenager mich gestern und auch heute angelächelt und mir freudestrahlend die Tür aufgemacht. Gestern hat sie sogar gesagt: "Ah, da ist ja wieder die nette Dame, die jetzt immer fährt". Das war wohl der Ritterschlag. Ich hatte noch gar nichts gemacht. Außer pünktlich zu sein. Aber das war es wohl. Für manche Menschen sind eben andere Dinge sehr wichtig, um gut durch den Tag zu kommen. Kann ich auch verstehen. Sorgen hat die Großmutter bestimmt schon genug. Der Teenager, ihre Begleitfrau und ich, wir duzen uns jetzt. Wir hatten echt Spaß im Auto und haben über die Schule abgelästert. Ist doch überall das Gleiche. Rolli hin oder her.

In meiner Stadt gibt es ein Haus. Das wurde extra gebaut, um Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, ein Leben zu erlauben, das so weit wie möglich selbst gestaltet werden kann. Also, mehrere (eigentlich sogar ziemlich viele) Bewohner, im begehrtesten Viertel der Stadt, Betreuungspersonen unten, Patienten in eigenen kleinen Wohnungen oben, alles barrierefrei. Und schlechte-Laune-frei. Das habe ich jetzt zum zweiten Mal erfahren. Die Stimmung in diesem Haus ist durchtränkt von Lachen und Offenherzigkeit. Ich bin jedesmal so nett empfangen worden, das tut einfach nur gut. Bettina (Name geändert), die ich ins Krankenhaus fuhr, hat als Maschinenbauerin in Hiroshima gelebt und gearbeitet. Sie sprach nicht viel, ich glaube es macht ihr Mühe. Aber wir haben uns trotzdem so gut "unterhalten" im Auto. Weniger Sätze, kürzere, nicht so viel Schischi drumherum. Einfach zuhören, spüren, nachfragen, erzählen. Das war's.
Bettina sagte, als ich ausstieg: "Ich bin so froh, dass du eine Frau bist". Sie erzählte, dasses in Japan  viele kleine Männer gibt, die Angst vor großen Frauen haben. Wenn die dann noch ihr Chef ist. Horrido. Außerdem glaube ich, dass es für manche Frauen angenehmer ist, wenn sie von einer Frau gefahren werden. Denn da fahren viele Gefühle mit. Und damit haben es die meisten Männer schwer. Vielleicht war aber auch ein kleines Stückerl ein Lob an mich persönlich. Schließlich bin ich ja auch eine von uns.

Ich gebe zu, dass ich mich schwer tue, vom äußeren Bild NICHT auf den Menschen zu schließen. Bettina hat mich heute eines Besseren belehrt. Danke dir! Und alles Gute für die Zeit im Krankenhaus.