Freitag, 28. Oktober 2016

Gitta fährt

... jetzt ins Wochenende.

multiple Sklerose, multiple Sklerose, multiple Sklerose. Ich kann diese Worte nicht mehr hören. Ich hasse diese Krankheit, obwohl ich sie noch nicht mal richtig kenne. Kann man Krankheiten überhaupt lieben? Wohl nicht. Muss man sie erst kennenlernen, damit man sich mit ihnen anfreunden kann? Wohl eher genauso nicht. Diese fucking Krankheit lässt junge Männer zu dürren, körperlich verzogenen, kraftlosen Spindelchen werden. Oder Frauen in meinem Alter zu Menschen, die Hoffnung brauchen aber durch den Kampf im Alltag immer mehr an Glanz verlieren.

Komisch, dass ich von Montag bis Freitag Leutchen kutschiert habe, die an dieser Krankheit leiden. Wobei das Wort "leiden" hier noch als Zustandsbeschreibung in Frage zu stellen ist. Heute fuhr ich einen jungen Mann, der doch tatsächlich mit mir geflirtet hat! Warum mir das so hängenbleibt? Ganz ehrlich? Weil ich dachte, Behinderte flirten nicht. So, jetzt ist es raus. Die Wahrheit eben. Ich hätte nebenbei gesagt seine Mutter sein können. Und mit den Augen flirten, jaha, das geht. Dieser Kerl war mal Maschinenbauer. Heute sabbert er. Und er liebt Venedig. Am meisten den Markusplatz. Jedes Jahr im Sommr fährt er dorthin. Solange es geht. Und er HAT geflirtet. Mit seinen großen, großen blauen Augen.

Oder Sie. Eigentlich eine Künstlerin. Sie fotografiert. Von sich selber sagt sie, sie sei Büroangestelle. Sie hat mir ein paar ihrer digitalen Bilder gezeigt. Ich war tief beeindruckt. So ausdrucksvolle Bilder habe ich noch nie gesehen! Sie erzählen Geschichten. Öffnen in mir eine Tür und heraus sprudeln Erinnerungen. Schöne Erinnerungen. Mit Makroobjektiv hält sie Wassertropfen fest, in denen sich ganze Kosmen spiegeln. Aber einen Stift halten kann sie nicht. Ein Elefantenauge, so nah. Nur das Auge mit den Wimpern. Darin kann man abtauchen. An warme Mütter denken, mit riesen Herzen und gutmütigen Augen. Sie macht bald eine Ausstellung. Ich werde mir alle ihre Bilder anschauen. Sie sind wie Kurzurlaube, Pauseninseln. Zum Ausruhen, Auftanken. Wie kann man so schöne Bilder machen? Beim Schreiben fällt mir jetzt gerade der Spruch ein: "Man sieht nur mit dem Herzen gut ...".

Wie geht das, dass diese Zwei so viel gute Energie an mich geben konnten?

By the way. Nachdem mein Dienst beendet war musste ich mit meinem alten Möhrchen eine Kommode abholen. Das war vielleicht ein Geaste. Das Lenkrad so schwer zu drehen als hätte ich einen Panzer zu bewegen. Die Sitze so tief, als würde ich gleich mit meinem Hintern über die Straße schrappen. Ich fahre einen alten Nissan. Heute hatte ich zum ersten Mal absolut keine Lust mehr, mein eigenes, altes Auto zu bewegen. Der flotte Flitzer mit Popoheizung, den ich heute zum Krankentransport bewegt habe, ist schon watt Luxus. Alles groß, alles hoch, alles leicht zu bedienen, viel Bordelektronik, die leuchtet UND funktioniert. Coooool! Bis Montag werde ich nur noch laufen und Rad fahren. Genug gesessen.



P. S.: Wenn ich beim Schreiben einmal Namen verwende oder verwendet habe, sind sie natürlich frei erfunden, um die Personen zu schützen. Ebenso sind Orte frei erfunden und nicht im O-Ton wiedererzählt.