Samstag, 5. November 2016

Gitta fuhr

... in dieser Woche alles: Rollstühle, Menschen, Geschichten, Gerüche, Schicksale und den eigenen Popo nach Berlin. Du denkst, du willst schnell mal mit dem Auto nach Berlin. Vergisst aber, dass du auf die A2 musst. Ich sag' nur Bad Eilsen! Unfall, Baustelle, rechte Spur außen voll mit polnischen Lastern, die zweite Spur voll mit polnischen PKW und ich mittendrin. Das tolle an Berlin war, ich hatte Uschi mit. Meine Navi. Sie verarscht mich zwar scheinbar hin und wieder. Zumindest denke ich das. Aber sie hat mich am zweiten Tag bis auf gefühlte 5 Meter vor den Checkpoint Charlie gefahren. Parkplatz. Ohne Gebühr!

Der Reihe nach. Abends anjekommen, rin inne Tram und ab nachet Brandenburger Tor. Und zum Reichstag. War zwar schon dunkel und hat jeregnet, aber musste. Nachts ist Tag, du kannst überall hin, es sind überall Menschen. Und du kriegst mal watt zu kieken. Als ich aus der U-Bahn zum Brandenburger Tor lief, sah ich einen "zweigeteilten" Mann. Oben Banker mit Anzugjackett, Krawatte, Aktentasche. Unten Frau. In kniekurzer Hose und hochhakigm Stiefel. So watt lieb ick ja. In meiner kleenen Provinzstadt würden die Leute schon wieda innerlich Steine schmeißen. Ick bin ja dafür, datt hier ooch mal so 'ne Typen rumlofen. Tät uns mal janz jut. Kannste staunen, bleibste tolerant.

Ich habe meinen Popo nachts noch in einen Plüschsessel vom Hotel Adlon fallen lassen. Ick hab mir da gar erst jarnicht rin jetraut. Aber Berlin war sehr kalt. Berlin ist immer kalt. Ich wollte mich aufwärmen. Aber nicht in einer Dönerbude. Sondern in ein bisschen watt mit Luxus. Erst bin ich am Adlon vorbei und dachte "Nö, sieht das schnieke aus, da darfste bestimmt nicht rein". Aber nicht trauen wollte ich mich auch nicht. Der Türpage in Livree vor dem Eingang hielt noch während meines Denkprozesses die Drehtür für mich auf, und schwupp war ich reingedreht. Erstmal zum Tresen oder Theke oder wie man dieses kilometerlange Ding nennt, das golden leuchtet und hinter dem sehr nett lächelnde, sehr hübsche, sehr junge Damen und Herren stehen, die für einen da sein möchten. Ich arme Provinznudel wollte tatsächlich erstmal wissen, ob ich überhaupt dort Platz nehmen dürfte. Eine von diesen Außerirdischen hat mich mit den Worten "Sie suchen sich jetzt mal Ihren Lieblingsplatz und ich komme dann gleich nochmal und schaue, dass es Ihnen gut geht" an MEINEN Platz gebracht.

Herrlich! Leise Klaviermusik, echt gespielt von echtem Musiker auf echtem Instrument, viel gedämpftes Licht, alles schimmert irgendwie golden und weich. Tieftürkis farbene Plüschsofas und Sessel. Wärme, nirgendwo eine Spur von Hektik. In der Mitte des Raumes ein riesengroßer schwarzer Brunnen aus Marmor, mit Elefantenornamentik. Wasser läuft nicht. Gott sei Dank. Die große Halle still trotz der vielen Menschen. Wo man hinschaut alles überdimensioniert groß. Die Lampen, die Vasen, die Blumenbukkets gigantisch. Der Kronleuchter macht seinem Namen alle Ehre. Würdevoll strahlt und leuchtet er in goldenem Licht. Geradezu majestätisch beleuchtet er die weiter hinten gelegene Halle mit den Aufgängen zu den oberen Etagen. Der Abgang in die untere Etage (zum Klo oder wie sagt man das hier?) ist mit so weichem Teppich ausgelegt. Ich könnte mich da auch hinlegen und schlafen. Die zwei Kellner, die umher gingen, nicht liefen, sondern ruhigen Schrittes wandelten, waren sehr sehr sehr sehr sehr sehr nett. Aber nicht schwülstig und lästig. Sondern punktgenau immer im richtigen Moment mal kurz da, um zu schauen, wie es mir geht an meinem Lieblingsplatz.

Der Rotwein, ein Spätburgunder, wie ich erfuhr (ich habe null Ahnung habe, ob das was Gutes oder Schlechtes bedeutet) war sündhaft teuer aber sein Geld wert. Ich habe noch nie im Leben trockenen Rotwein gemocht, aber man muss den von der guten Sorte trinken. Angenehmer Abgang, holzige Note und weiches Bouqet mit Feuer drunter. Ich kenne mich aus. Hö hö. Aber lecker. Für meinen Nichtfeinschmeckerlaiengaumenwasweinangeht-Gaumen. Dazu gabe es eine Etagere mit Nüsschen, Stückchen, Bröckchen, Leckerchen, Häppchen. Was da alles druff war. Das hätte als Vorspeise durchgehen können. Essen brauchste da nicht mehr. Kannste dir eh' nicht leisten. Macht nix, weil nach der Etagere biste satt. Ich habe aber natürlich ein paar Brocken druff jelassen. Soll ja keiner merken, dass ich micht nicht auskenne. So viel Luxus färbt ab. Ich habe mich grandios gefühlt. Irgendwie luxuriös. Genau das Richtige nach einem aufregenden Tag.

Uschi am nächsten Morgen super auf Zack. Sie brachte mich bis auf ein paar Meter am Checkpoint Charlie zu stehen. Ich liebe diese Stadt, dieses Gewusel, die Touris, den Nepp (hier kannste mit dem Trabbi eine Stadttour machen, aber wer will das schon, wer nicht auf Kriegsfuß mit seinem Rücken stehen möchte), die irre großen Straßen, die alten Gebäude, die spröden und gleichzeitig gastfreundlichen Berliner. Was eine Mischung! In einem Café sitzen und die Menschen beobachten, das ist hier das Größte. Du hörst so viele unterschiedliche Sprachen. Das gefällt mir. Ich hatte nicht mehr viel Zeit bis zur Rückfahrt. Da ich schonmal in Berlin war hatte ich aber auch keine Hektik in mir. Kenne ich ja alles schon. Na ja, alles ist vielleicht ein bisschen angegeben. Wann kann man in Berlin schon alles kennen? Wahrscheinlich nie, wenn man nicht gerade dort wohnt. Ich habe mir noch einen alten Mauerteil und den Martin-Gropius-Bau (Festspielhaus, in dem z. B. Pina Bausch's Tanztheater auftritt) angesehen. In Berlin haste an jeder Ecke Kultur und Geschichte. Diese Stadt sauge ich mit meinem Herzen und meinen Augen auf. Ich liebe Berlin. Ich liebe den Himmel über Berlin. Er ist so weit. Da kann ich atmen.

Das Abschlussbonbon von Uschi war, dass sie mich auf der Fahrt raus aus der Stadt direkt zur Siegessäule gelotst hat. Mir kamen die Tränen. Mein kleines Navilein. Ich wie ein Kind im Auto, das mit großen Augen auf diese Säule mit der goldenen Skulptur on top starrt und sich wie Bolle freut. Schluck! Aber Obacht auf den bissigen Verkehr rund um die Säule! Da gibt es Ampeln im Kreisel!! Das sollteste in Münster mal jemandem vorschlagen! Dass ich da niemanden umgenietet habe, ist schon ein Kunstgriff. Dann raus aus der Stadt. Nach Hause. Leider. Irgendwie. Zusammenfassung: A2, Bad Eilsen, Unfall (nicht ich), eineinhalb Stunden im Stau. Stehend. Das Auto und ich. Nackenschmerzen, Elefantenfüße, Nerven blank. Ab ins Bett.

Das war Berlin.


P. S.: Berliner Läden haben gute Namen. Wenn du die liest, weisste sofort, watte drinnen kriegst: Tick Tack, Löffelei, Haarschnitt, Spätkauf, Maiglöckchen, Wurst und Schinken, Warenhaus, Dancing Dolls.