Donnerstag, 18. April 2019


Da komme ich nicht mehr mit ...

Am Morgen in meiner Küche. Ich habe tatsächlich noch überlegt, das Radio auszulassen und keine Nachrichten zu hören. Hätte ich das mal gemacht. Zum Butterbrot wird Horror serviert. Bei einem Terroranschlag in Pakistan werden 14 Businsassen erschossen, 29 Tote deutsche Urlauber bei Busunglück auf Madeira und 3 brennende Autos mit AfD-Aufdruck in Essen. Wobei, als ich die Meldung mit den Autos hörte, dachte ich: "Warum nicht, geschieht ihnen recht". Ich weiß, man kann so oder so denken. Und ich denke auch so. Macht keinen Sinn, ist kriminell. Aber in der hinteren Ecke meines Sarkasmuszentrums hüpft ein kleiner Zwerg auf und ab und verkneift sich ein lautes Losprusten. Zum Rest der Horrornachrichten kann ich nur sagen: Morgen bleibt das Radio aus. Mir schneiden solchen News immer durchs Herz. Ich kann das nicht haben, nicht hören und will es mir auch nicht vorstellen. Aber kaum hörst du das, zack! Hast du die Bilder im Kopf.

Heute morgen sah ich auf Facebook zwei Filmchen. Beide zeigten alte Damen über 90. Die eine Balletttänzerin, die andere Lehrerin für Wassergymnastik. Beide vermittelten den Eindruck, als hätten sie größte Freude und Lust bei dem, was sie tun. Wenn ich so etwas sehe, hadere ich immer mit mir. Müsste ich nicht auch mindestens eine berühmte Schriftstellerin sein oder zumindest erfolgreiche Journalistin in New York? Wenigstens Lokalreporterin! Meine Lebensträume scheinen nicht erreichbar. Wie Blasen, hinter denen ich herlaufe und sie doch nie erreiche. Aber sind das überhaupt meine Lebensträume? Ich habe mich jahrzehntelang gequält, weil ich dachte, ich müsse etwas anderes sein, etwas besseres, erfolgreicheres. Heute sitze ich in meinem Leben, merke, dass ich ganz, gaaaaanz kleine Schrittchen gehe und nur diese  gehen kann. Als Kind oder Teenager war kein Raum, um Lebensträume zu entwickeln. Traumberuf? Andere Dinge waren im Vordergrund. Überleben in alkoholkranker Familie. Das ist kein Platz zum Träumen.

Wenn ich heute solche Filme sehe, okay, dann ruft da etwas in mir. Ich schwimme für mein Leben gerne. Diese über 90-jährige alte Dame sah toll aus. Die andere, die Balletttänzerin, sie brachte in mir die Seite zum Schwingen, wo es um mein Schreiben geht. Ich schreibe gerne. Das tue ich ja schon. Keine Ahnung, was daraus wird, ob überhaupt etwas Größeres daraus entsteht. Ich tue es einfach. Aber ich sollte öfter schwimmen gehen. Ich werde niemand anderes, heute nicht, morgen nicht. Ich lebe hier und nicht in New York. Wenn Big Apple dran gewesen wäre, wäre es so gewesen. War es aber nicht. Ich war im Urlaub dort. Ist doch auch schonmal was. Jeder steckt in seiner Haut. Ich auch. Was mir allerdings mega auf den Keks geht, sind Sinnsprüche, die tagtäglich über Facebook & Co. laufen: "Tue es jetzt! Lebe! Mach' dies, mach' das, sag' Ja und Nein, grenz dich grenzenlos ab und feiere dein Leben. SO!FORT!" Das kotzt mich regelrecht an. Das ist, als ob man eine Messlatte ganz hoch hängt, mir einen Stab in die Hand drückt und sagt: "Jetzt lauf und spring!" Mein Leben ist aber nicht so, und ich bin nicht so. Ich wurschtel mich jeden Tag hierdurch und lerne in Hühnertapperln, wie im Hier und Jetzt sein geht, ohne zu viel zu grübeln und ohne zu viel zurückzuschauen. Mehr geht nicht. Ich hole mal die Karte wieder aus dem Karton, auf der steht:

"Einfach mal Fresse halten!"

Gilt auch für's Radio.