Sonntag, 14. April 2019
Heute ist Hate-Day
Heute hasse ich alle Menschen. Vor allem jene, die mich anlächeln oder noch beschissener, mich freundlich ansprechen. Ich hasse polnische Männer, die am Straßenrand irgendwelche Gräser pflücken, für ihre Kaninchen, die sie dann später als Braten auf den Tisch bringen. Ich verabscheue Frauen in rosa-silber-farbenen Daunen-Steppjacken mit fetten goldenen Ringen an den Händen, rotlackierten Fingernägeln und perfekter Schminke im Gesicht. Ich hasse sie dafür, dass sie Geld haben oder einen Mann zuhause, der ihnen das Geld schenkt. Ich hasse putzige Familien, die mit Fahrradanhängern, guter Laune und Verliebtheit durch die Gegend radeln und ihren Nachwuchs liebevoll belabern. Ich hasse alte, ultradünne Menschen, die hutzelig und in dunklen Klamotten durch die Gegend wandeln. Ich hasse Rad fahrende Pärchen, bei denen der Mann vorneweg fährt. Noch lächerlicher finde ich Radfahrer, die mit offenem Mund und komischer Grimasse an mir vorbeifahren und dabei vollkommen dämlich aussehen, es selber anscheinend aber nicht merken. Ich hasse hübsche kleine Backsteinhäuser, weil ich auch gerne darin wohnen würde. Ich hasse große, angeberische Villen, weil ich denen das Geld nicht gönne, das ich nicht habe. Ich hasse die Speckbrettspieler vor meinem Küchenfenster, weil sie Spaß haben und am Sonntag nicht alleine sind.
Das alles habe ich heute gehasst, als ich mich für eine kleine Radtour am Kanal entlang aufs Rad schwang. Sonntag, ich mal wieder alleine, das Rad kaputt und natürlich kein Kerl an meiner Seite. Also muss ich es erst reparieren, bevor ich los kann. Schon auf den ersten Metern hasse ich die, die an mir vorbeisausen mit neuen E-Motoren oder zumindest schwarz-matt-modernen Sporträdern. Ich bin immer arm. Zumindest fühle ich mich so. Immer das arme Hascherl. Also hate ich vor mich hin, grüble über die Vergangenheit, bekomme keinen Vogel, keinen Sonnenstrahl und auch kein Blüte mit. Bis ich auf meinem Lieblingsweg lande. Dort ist es still. Felder, zwei Häuser, blühende Kirschbäume, Ziegen auf einer kleinen Wiese vor dem einen alten Haus. Hach, seufz, ich hole Luft. Hier geht es mir gut. Und plötzlich ertappe ich mich, wie ich eine ältere Dame, die im Garten arbeitet und zu mir hochschaut, freundlich grüße. Ob sie zurückgegrüßt hat, kann ich nicht mehr hören, aber mir geht es besser. Ein paar Meter weiter, es ist einfach meine Liebslingsstrecke, grüßen mich zwei junge Mädchen, die mit nackten Füßen in einem Bachlauf stehen. Es ist arschkalt draußen. Ich habe Handschuhe an. Die beiden lachen und winken mir zu. Einfach so. Ich freue mich, winke zurück, und rufe: "Seid ihr echt barfuß?". Die beiden Mädchen lachen noch mehr. Oh Mann, das tut mir gut. Während ich weiterradel, denke ich: "DAS bin ich. Das kann ich gut. Mit Menschen sein. Spaß haben, interessiert sein, freundlich und fröhlich auf andere zugehen, mit Menschen reden, neugierig sein. Ich bin doch ein Menschenfreund! Das konnte ich schon immer gut."
Plötzlich bin ich mit mir ausgesöhnt und werde belohnt. Ich höre die unterschiedlichen gefiederten Mistviecher trällern, sehe grüne Weiden, träge weidende Kühe, spüre den Wind und die Kälte an meinen Händen. An einer Pferdekoppel halte ich an. Ein junges Fohlen hüpft dort hin und her. Ein Mann, der neben dem Fohlen versucht, es in eine bestimmte Richtung zu lenken, lächelt mich an. "Wie alt ist es?", frage ich. "Eine Woche", ruft er rüber. Ich grinse fast, ich kann nicht aufhören, breit zu lächeln. Das Fohlen ist so süß! Es springt hin und her, macht ein Päuschen, schaut den Mann an, in dem Moment, wo er näherkommt, springt es wieder weg, nur um dann wieder stehenzubleiben und zu schauen. Herrlich! Herrlich, wie diesem kleinen Felltier der Schalk im Nacken sitzt. Wie schön ist es hier draußen. Mein Hass ist weg. Ich bin erfüllt, der Tag ist voll mit Leben und netten Begegnungen. Jetzt sitze ich auf meinem Sofa in der Küche. Die Bratkartoffelpfanne mit Knoblauch, Zwiebeln, Käse und Unmengen an Petersilie ist in meinem Bauch. Der ist rund. Dick und rund. Ich bin zufrieden mit mir. Als krönenden Abschluss werde ich mir gleich einen Espresso zubereiten. In meiner alten Espressokanne, die dann dampfend und blubbernd auf dem Herd steht.
Menschen, die am Wegesrand nach Kräutern oder Gräsern suchen, sind mir immer noch supekt. Werde ich immer merkwürdig finden. Warum, weiß ich nicht. Ist auch egal. Hassen muss ich sie gar nicht. Ob das Deutsche oder Polen sind, Australier oder Norweger. Ist doch wurscht. Ist echt egal. Mir und dem Gras sowieso.