Mittwoch, 10. April 2019
Heute war Frau Heitmann meine Mama
Warum mache ich das nicht selber? Wo ist die innere Mama in mir, die mich selber bemuttert? Frau Heitmann ist meine Sachbearbeiterin vom Jobcenter. Eine junge Frau, die mir enorm nett und zuversichtlich dabei hilft, eine Arbeit zu finden, dabei nicht aufzugeben. Gestern hatte ich ein Vorstellungsgespräch in einem kleinen Büro. Ich war so glücklich, als ich da raus kam, das Gespräch ist so super verlaufen. Morgen habe ich ein Probearbeiten. Noch bevor ich meine Freude ausgekostet habe, mischen sich Gedanken in meinen Kopf, die alles zerfressen. Das sind aber nicht meine Gedanken. Das sind die Gedanken meines Vaters. Es ist zumindest die Art meines Vaters, zu denken. Er war ein Misanthrop. Ein Typ, der erstaunlich gut Smalltalk mit vielen Menschen reden konnte. Er war aber auch ein Mann, der alle anderen Menschen sofort verurteilt hat, wenn ihm irgendetwas nicht passte. So waren Studenten zum Beispiel "Idioten mit Daseinsberechtigung" (Zitat Papa).
So erlebe ich meine Welt heute. Zuerst habe ich Ängste und Zweifel in mir, Verurteilungen und Mutmaßungen, Ablehnungen und Verleumdungen. Einfach immer nur negative Sätze. Der etwaige Chef, obwohl er mir wie ein ultra guter Mensch vorkam, wird mit Sätzen innerlich niedergemetzelt. Die vielleicht neue Kollegin, die mich morgen zuguckenlässt, wird schon im Voraus schlechtgeredet. Warum eigentlich?
Jetzt kommt "meine" Frau Heitmann vom Jobcenter ins Spiel. Bei der saß ich heute Morgen. Ich erzählte ihr von dem wunderbaren Vorstellungsgespräch und meiner Freude, dass der Inhaber des Büros mich gerne einstellen möchte. Ich erzählte ihr auch von meinen Ängsten. Wie sich plötzlich alles im Kopf umdreht und ich nur noch negativ denke. Plötzlich war mir klar: Ich habe Angst! Ich habe einfach Angst. Das ist gar nicht so schlimm. Punkt. Frau Heitmann hat mir Mut gemacht, die Dinge noch von einer weiteren Seite zu betrachten. Möglicherweise herrscht in der Firma eine ganz klare, saubere und offene Kommunikation. Das, was ich mir immer gewünscht habe. Und möglicherweise ist die neue Kollegin super gespannt und freut sich auf mich. Sie freut sich vielleicht, dass ich komme und ihr Arbeit abnehme. Im besten Fall kann ich sogar von ihr profitieren. Sie kennt den "Laden" und kann mich perfekt einarbeiten. Ich muss nichts alleine machen, sie ist da. Was für wundervolle Gedanken. Wohlwollend nach vorne gerichtet. Das gefällt mir.
Ich radelte nach Hause und fragte mich: "Warum mache ich das nicht selber? Warum war Frau Heitmann meine Mama?" Wenn ich diese Frage heute hier beantworte, werde ich noch im milden Schein meiner Leselampe um Mitternach hier sitzen und die Finger auf die Tasten hauen. Mutter, Mama, Mutti ... boah, das ist ein weites Feld. Ganz kurz zusammengefasst. Ich hatte eine Mutter, aber sie war keine Mama. Deswegen weiß ich nicht so recht, wie inneres und eigenes Bemuttern geht. Ha, ist aber auch nur eine Ausrede. Ich habe ja selber eine Tochter, der ich Mutter und auch Mama bin. Viele liebe Menschen um mich herum geben mir immer wieder Mama-Kraft. Aber jetzt will ich die selber. Ich will meine eigene Mama sein. Ich weiß, ich kann das.
Und morgen werde ich zum Probearbeiten radeln, und es wird ein besonderer Tag werden. Ein besonders guter. Und ich freue mich auf Frau Kollegin.