Mittwoch, 10. April 2019



Jeden Morgen


Snooze. Den Wecker tausende Male weiterstellen. Gestern dachte ich noch, früh Aufstehen sei das Allheilmittel gegen Depressionen und stellte den Wecker voller Enthusiasmus auf 07:00 Uhr. Jetzt ist es fünf vor Neun. Ich habe gleich einen Termin beim Jobcenter. Sonst wäre ich vielleicht gar nicht aufgestanden. Und auch, wenn ich mir vorgestern vorgenommen habe, jeden Morgen zu bloggen, jeden Morgen zu schreiben gegen meine Depressionen, gegen meinen Sog zum Suizid, es ist echt schwer ... Obwohl, mal kurz auf die Uhr geschaut ... 08:57 ... ist doch egal, warum ich aufgestanden bin. Ich bin es.

Mein Sog zum Suizid klingt brutal. Aber ich stehe jeden Morgen auf und weine. Ich kann mir nicht vorstellen, alleine zu sein, alleine zu leben, alleine zu bleiben. Jeden Morgen wacht ein Teil von mir als erstes auf und versteht die Welt nicht mehr. Es fühlt sich an, als wäre alles so wie immer. Ich mache meinen Tag, die Sonne scheint noch dazu, heute Nachmittag trinken wir zusammen Kaffee. Spätestens da laufen die Tränen. Ab da ist mir messerscharf durchs Herz geschlitzt klar, dass Hannes weg ist. Dass ich alleine bin. Dass er nie mehr und nie wieder da sein wird. Jeden Morgen dieser Schockmoment, der mein Leben so durcheinanderrüttelt. Jeden Morgen diese unfassbare Leere. Jeden Morgen diese unglaubliche Traurigkeit. Jeden Morgen diese abermilliarden Gedanken, die wie ein platzender Wasserballon in meinem Kopf nach allen Seiten davonspringen. Ich kann kaum einen davon behalten. Aber so fühlt sich mein Leben an. Es fällt alles auseinander. Alles, was einmal zusammengehörte, einen Sinn ergab, einfach da war, mein Leben war, fällt oder besser springt auseinander. Ich komme nicht dagegen an. Ich kann es nicht aufhalten, ich weiß nicht, was ich tun soll, meine Ohnmacht erdrückt mich. Vielleicht ist das meine Depression. Wir haben aber auch eine beschissene Trauerkultur hier. Nämlich gar keine. In anderen Ländern wird gejault, geheult, geschrien. Öffentlich, privat, egal wo. Die Trauer wird herausgetrauert. Die Schmerzen des Verlustes werden herausgeschrien. Da jault aber keine alleine. Da wird sich im Kollektiv an die Brust geschlagen, da wird zusammen geweint. Da umarmt man sich, hält Händchen, reicht Taschentücher, trifft sich, um gemeinsam zu verabschieden.

Hier? Hier musst du dich verstecken. Trauer will niemand. Tod und Verlassenwerden auf gar keinen Fall. Depressive Menschen, wo siehst du die? Therapie? Ist was für Loser, halt bloß die Klappe und erzähle es niemandem. Funktionieren, lächeln, weitermachen. Tue so, als würde dir der Verlust nicht wirklich etwas ausmachen. Ach ja, und bitte trauere nicht so lange. Maximal solange, wie ICH es aushalten kann, denn ich bin hilflos im Trauerbegleiten. Irgendwann muss doch auch mal gut sein. Sieh' mal, der Typ war doch sowieso nichts für dich. Komm', lass' uns was Schönes machen. Kleister drüber, kleb' zu. Bis es dich niederdrückt. Immer weiter runter. So tief runter, bis du morgens aufstehst, wenn du aufstehst, und nicht mehr weißt, ob du mit diesem leeren Leben überhaupt noch weitergehen möchtest. Die Sonne der anderen scheint gerade nicht für dich.

Am liebsten würde ich mich mitten in die Stadt stellen und laut herausschreien: "Es tut so weh!!!!" Oder vielleicht setze ich mich mit einem Schild "Umarmung?" in die Stadt und lasse mich den ganzen Tag von Menschen umarmen. Mal wieder das Gefühl haben oder zum ersten Mal das Gefühl, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Zu ihm fahren, ihm eine Ohrfeige verpassen, die sich gewaschen hat, das stelle ich mir auch manchmal vor. Ihn anschreien, er soll das Schweigen lassen und machen, dass alles wieder gut wird.

09:19 ... ich trinke Kaffee, muss gleich los. Der Tag hat begonnen. Ich liege nicht bis Mittag im Bett, und ich freue mich, dass die Sonne scheint. Das ist doch schonmal etwas.