Dienstag, 9. April 2019



Sie hat nichtmal das Telefonat beendet


Karo hatte nicht die Größe, das Telefon aus der Hand zu legen, als ich weinend vor ihrer Tür stand. Sie war zwei Jahre lang meine beste Freundin. Erst waren es nur lockere Hundebegegnungen im Park, direkt bei mir vor der Tür. Dann trafen wir uns zum Kaffeetrinken, fuhren gemeinsam zum Schwimmen an den Kanal, gingen am Hiltruper See spazieren. Wir hörten uns gegenseitig zu, wenn eine von uns Kummer hatte, wir lachten viel miteinander, hüteten gegenseitig unsere Hunde und kuschelten, wenn wir unsere Verflossenen vermissten. Wie oft ging ich durch den Park. Immer Morgens. Und immer konnte ich vor Heulerei nichts sehen, kaum etwas wahrnehmen und kaum im Jetzt ankommen. Dann war da Karo, die mir zuredete, die mir das Gefühl gab, dass ich liebenswert und normal bin. Sie war diejenige, die mich tröstete und immer wieder in den Arm nahm. Ich habe sie geliebt und ich dachte, sie mich auch. Bis zu dem Streit vor einigen Wochen. Ab diesem Tag hat sie mich von heute auf morgen fallenlassen. Ich habe eine Fehler gemacht. Sie hat Fehler gemacht. Aber ich habe die weiße Fahne gehisst. Die hat sie gesehen und ignoriert. Einfach ignoriert. Und mir ätzend ölige Worte per Mail geschrieben, dass Freundschaften nunmal irgendwann auseinandergehen bla bla. Das hat mich noch viel mehr getroffen. Mit welcher Erhabenheit und scheinheiligem Balsam sie mich belabert hat, als wäre ich unfassbar dumm. Und vor ein paar Tagen habe ich vor ihrer Tür gestanden, weinend, weil ich traurig war, so traurig, dass auch sie "weg" ist. Ich habe geklingelt und mich bei ihr für meine Fehler entschuldigt. Sie war am Telefon. Das konnte sie nichtmal weglegen. Weinend bin ich Treppen wieder runtergelaufen. Das nächste Mal im Park, vorgestern, ist sie an mir vorbeigegangen, grußlos und irgendwie auch blicklos.
Ich fasse das nicht. Wie können Menschen andere Menschen einfach so fallenlassen? Das werde ich nie verstehen. Ich bin immer so loyal. Vielleicht ist das eine meiner größten Macken. Diese Loyalität, auch wenn sie lange nicht mehr dahingehört, weil jemand, den ich liebe, mich missachtet, ignoriert, schlecht behandelt. Bei Hannes war das so. Den liebe ich immer noch, obwohl er schon seit drei Jahren weg ist. Karo habe ich auch geliebt. Ich werde aber nie das Gespräch in meiner Küche vergessen. Wir tranken Kaffee, die Hunde lagen entspannt irgendwo herum. Die beiden haben sich so unglaublich gut verstanden. Viel miteinander gespielt, gerauft wie kleine Jungs. Ich erzählte Karo, dass ich nicht begreifen kann, wie Menschen von heute auf morgen aus dem Kontakt gehen können und sich nie wieder melden. Sie sagte, das könne sie auch. Ich war total geschockt. Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Sie meinte, sie kann auch von jetzt auf eben gehen. Und nie wieder Kontakt aufnehmen, egal, was vorher war oder wie sehr sie jemanden vermisst. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich, das war ein Zeichen. Okay, ich denke halt oft dramatisch.
Fakt ist, Karo ist neben Hannes und meinem besten Freund Jonas und zwei anderen Freundinnen, die sich nicht mehr bei mir melden, eine von mehreren, die aus meinem Leben verschwunden sind. Das Beschissene daran ist, dass ich sie nicht weggeschickt habe, sondern sie aus irgendwelchen Bequemlichkeiten einfach so wegbleiben. Jonas ist verliebt, Ricarda hat viel Arbeit, bei Britt ist es immer die Mutter. Bei mir ist auch viel. Ich verbinde mich aber lieber mit Menschen, als dass ich sie wegschicke. Ich bin Single und Zwilling. Ich brauche Menschen. Zum Austausch, zum Leben.


Ein Positives hat der Weggang von Karo. Ich bin neben ihr immer hergelaufen wie auf rohen Eiern. Ich habe mich oft nicht abgrenzen können, wenn sie ihren judgenden Blick und ihre verurteilende Meinung auf andere geworfen hat. Wenn ihr etwas an anderen Menschen nicht passte, und das war oft so, dann hat sie diese innerlich niedergemetzelt. Mir hat sie vorgeworfen, ich würde Gandhi vergiften, weil ich ihn mit einer ganz bestimmten Futtersorte füttere. Sie beendete einmal eine Freundschaft, weil der Hund der anderen Frau unangeleint durch den Park rannte, ganz im Gegensatz zu Karo's Überzeugung. Kann man nicht gut beschreiben. Sie hat 'ne Macke. Sie muss alles kontrollieren. Wenn sich jemand aber nicht kontrollieren lässt, geht sie. Ich habe auch eine Macke. Ich zeige oft keine Grenzen, wenn Menschen mich schlecht behandeln. Immer aus Angst, verlassen werden zu können. Am Ende wirst du doch verlassen. Da hast du ja gar keinen Einfluss drauf. Aber du hast Einfluss darauf, wer du bist und wie du dich zeigst. Am Ende von ich-kann-keine-Grenzen-setzen gibt es nur zwei Möglichkeiten. Du bist ganz im Arsch und gehst. Weil du keine andere Möglichkeit siehst, bringst du dich um. Du bringst dich an einen anderen Ort, weil du es an diesem nicht schaffst. Zumindest denkst du das. Die zweite Möglichkeit ist eine Mischung aus Bleiben, Akzeptieren, Heulen, Kämpfen, Angst haben, Weiterkämpfen, Abgrenzen, Scheiss-egal-Modus einschalten, Vertrauen, Zweifeln, Weitermachen. Und wieder Heulen. Dazwischen scheint manchmal die Sonne, du hörst die Vögel zwitschern, du trinkst Kaffee und gehst irgendwie Millimeter für Millimeter weiter. Bis die große Welle dich erneut überschwappt. Dann wieder Weitergehen.


An dem Morgen, als Karo im Park an mir vorbeiging, wortlos, grußlos, war ich unfassbar traurig. Ich habe so geweint. Selbst Gandhi wollte hinter Bobby her, ihrem Hund. Als ich ihn ableinte, Karo. war schon lange nicht mehr im Park zu sehen, rannte Gandhi los in Richtung Ausgang. Ich hatte das Gefühl, er lief Bobby nach. Ich habe ihn tatsächlich erst an der Kirche wieder eingefangen. Kurz vor der Ampel, die über die Straße führt, wo man zu ihrem Haus abbiegt. Ich war entsetzlich traurig, hocke mich auf den Rasen und weinte. Sie war meine beste Freundin. Und sie hatte nichtmal die Größe, das Telefon wegzulegen. Ich aber hatte die Größe, mich zu zeigen, mich zu entschuldigen. Das ist das einzige Mittel gegen Depressionen. Nicht schlucken, wegdrücken, sondern da sein, authentisch sein, ich sein. Ich bin traurig. Das ist mein Gefühl. Das kann ich an die Hand nehmen. Damit kann ich weitergehen. Auch ohne Karo.