Montag, 8. April 2019
Frühling ist nichts für Depressionen
Komisch, wenn ich durch den Park gehe, weine, null Kontakt zur irgendjemandem aufnehmen kann, irgendwie alle Menschen gerade hassen muss, und plötzlich lächelt eine Radfahrerin mich und meinen Hund an und sagt auch noch einen lieben Satz! Dabei wollte ich sie doch töten, weil sie mit dem Rad durch den Park fuhr. Radfahrverbot. Aber auch Hunde-ablein-Verbot. Gilt für alle. Außer für mich und Gandhi. Mann, ich finde mich selber gerade so was von blöd. Ich habe so viel von dem verloren, auf das ich früher einmal stolz war. Ich bin ein Bündel schlechter Gedanken, eine Drehbuchautorin (mit Preisen überhäuft!), deren Spezialgebiet worst-case-Szenarien sind, eine Haterin, eine Misanthropin, Rassistin, eine alles-Ablehnerin und ein Opfer. Ich bestehe nur noch aus alten, fauligen Gedanken und zerfressenden Gefühlen. Aber ich bekomme immerhin noch mit, wenn ein frühlingsweiß blühender Baum herrlich duftend vor mir steht und ich mich an Kindheitstage (die meistens beängstigend waren) erinnere, zumindest an die guten. Oder wenn ich Vögel zwitschern höre. Die höre ich immer. Das fällt mir immer in mein Ohr und Herz. So lange ich das noch habe, ist nicht alles verloren. Das denke ich jedes Mal, wenn ich vor einem Baum stehe und das kleine Wesen suche, was da vor sich hin trällert.
Ansonsten ... Tränen, einfach nur noch Tränen. Ich glaube ja, dass eine Depression nur sich selber nährt. Deswegen weiß ich gerade nicht, ob Tränen "gut" und erlaubt sind. Aber sie fließen. Nichts anderes fließt in meinem Leben. Überall Stillstand. Außer in meinem Herzen und meinen Augen. Ich fühle mich so unfassbar alleine. Ich bin ein super anhängliches Wesen. Ich gehe mit jedem mit, der mir ein bisschen Gesellschaft, Liebsein und Zeitvertreib verspricht. Wie Gandhi, mein Hund. Der ist exakt eine Kopie von mir. Das blöde ist nur, wenn diese Menschen verschwinden, nehmen sie irgendwie alles wieder mit. Und ich muss wieder von vorne anfangen zu leben. Oder es zu versuchen. Ich bin nicht so stolz auf mein Leben. Das meiste davon war scheiße. Ich habe nicht viel auf die Beine gestellt. Das Beste, was ich zustande bekommen habe, ist wohl meine Tochter. Auf alles andere bin ich nicht stolz. Und dass ich bis heute in den Mustern und Masken und Botschaften und Vernachlässigungen und Tränen und Sehnsüchten meiner Kindheit festhänge, macht mich auch nicht sonderlich stolz. Ich glaube aber auch, dass die Depression oder die Trauer da sein möchte. So lange, bis sie sich ausgeweint hat. Ich bin sehr traurig. Hannes ist weg. Er ist einfach weg. Und es hat lange gedauert, bis ich vor dieser Wahrheit stand. Es hat drei Jahre gedauert. Drei Jahre bin ich ihm hinterherglaufen. Es gab immer wieder Hoffnungen, dass wir zusammenkommen. Ich war wie eine Alkoholikerin, die an der Flasche nippen durfte. Eine kurze Zeit lang war ich jedes Mal wie euphorisiert. Und dann kommt die nackte, kalte, knallharte Ernüchterung.
Er fehlt mir immer noch entsetzlich. Oft kann ich aber nicht auseinanderhalten, ob er mir wirklich fehlt, oder ob einem Teil in mir immer noch der Papa fehlt, den ich als Kind nicht hatte. Ich hatte einen, der war streng, angsteinflößend, cholerisch und schlug mich. Manchmal war er nett und kümmerte sich. Aber meistens hatte ich Angst. Das vorherrschende Gefühl war Sehnsucht. Ich wollte immer auf seinen Schoß. Er hat mich immer abgeschüttelt. Das bin ich bis heute nicht losgeworden. Dieses Gefühl, dass ich dazugehören möchte, mich aber lästig fühle. Oder muss ich das gar nicht loswerden? Und wenn nein, wie geht das dann, dass ich mich innerlich selber umarme, wo ich mich doch so ablehne?
So, erste Runde durch den Park geschafft. Jetzt mache ich mir einen zweiten Kaffee. Immerhin bin ich aufgestanden. Geraucht habe ich noch nicht. Jetzt erstmal unter die Dusche und dann ab zum Friseur. Mir mal etwas Gutes tun. Auch, wenn ich so gut wie kein Geld dafür habe. Aber ich will morgen beim Vorstellungsgespräch schick auf dem Kopf sein.
Das war's für heute.