Mittwoch, 27. Januar 2021

 Ich gehe ...

... gegen meine Depressionen. Jeden Tag. Irgendwohin und wieder zurück. 


Ich schreibe ...

... warum, weiß ich eigentlich gar nicht. Ist doch nur langweiliges Gesülze. Wenn ich "die Hosen runterlasse", ist es vielleicht zu krass.


Heute bin ich um den Aasee gelaufen, am alten Schwimmbad entlang. Bisschen spooky, das Gelände. Eingezäunt, ein altes Betonbecken, kaputte Quadersteine, Graffiti, ein alter, verrosteter Sprungturm und schiefe, türkisfarbene Sprungblöcke, an denen die Farbe zum größten abgeblättert ist. Ich würde das wahnsinnig gerne mal von innen sehen. 

Ich bin dann abgebogen in Richtung Friedhof. Keine Ahnung, warum es mich dorthin zog. Am See war es mir zu laut. Ich habe einfach keine Lust, fremden Menschen zuzuhören. Mich interessiert nicht, ob Susi heute Nachmittag vom Prof. die Note erwartet oder Tom gerade den obercoolen Online-Spinning-Kurs gemacht hat. Ich will auch nicht wissen, ob es Helga gut geht! Telefongespräche auf Laut-Arabisch finde ich zum Kotzen. Die LAUTSTÄRKE nervt mich. Also, abgebogen in Richtung Friedhof. Ich bin echt manchmal so was von berührt, wer da alles liegt. Abgesehen davon, dass ich nur noch geweint habe, als ich dort auf einer Bank saß. Mein Dämon neben mir, legt mir den Arm um die Schulter: "Ja, so schön möchtest du es auch haben, nicht wahr? Baum, Gras, schöne Sonne, Stille, und ganz viele, die dich besuchen? Kriegst aber nicht. Dich kommt keiner besuchen. Du bist alleine. Immer schon und für immer". Na toll. So sitze ich also an einem total morbiden Place und bemitleide mich selber. Die ganze Zeit schon auf dem Spaziergang ging mir durch den Kopf: "Wie konnte es nur so weit kommen, dass ich meine Würde an der Tür anderer Menschen abgebe. Immer und immer wieder. Ich erlaube anderen, mich zu beurteilen, ob ich wertvoll und liebenswert bin oder nicht. Andere geben mir meinen Wert und können ihn mir wieder nehmen. 

Welches Gegengift wirkt denn da jetzt, und in welcher Dosis? Muss ich mir mantramäßig immer und immer wieder selber sagen: "Ich bin zu 100 Prozent ein eigener Mensch, ich bin zu 100 Prozent wertvoll und liebenswert"? Na ja, okay, Macken gibt es viele. Aber wertvoll und liebenswert lasse ich nicht antasten. Heißt ja nicht, dass ich nicht auch Fehler habe. Aber im großen und ganzen will ich meine Würde nicht ständig von anderen bestimmen lassen. Dann fühle ich mich einmal gut, aber wenn derjenige Mensch mir die Würde wieder nimmt, bumms! Schlage ich im Dämonen-Dunkel auf? In der totalen Finsternis? Das kann nicht sein!

Also, ich auf der Parkbank auf dem Friedhof. Schnüff, schnüff! Drei Taschentücher später gehe ich weiter und schaue mir ein paar Gräber an. Luis ist nur drei Jahre alt geworden. Der hatte nichtmal die Chance auf ein Leben. Es ist schon wieder vorbei. Und Käthe hat zwei Weltkriege mitgemacht. Was für eine beschissene Zeit. Von den 78 Jahren, die sie hier war, hat sie 10 verballert bekommen durch Zeiten der Angst, des Terrors und der Entbehrungen. Wie gut, dass ich nicht 1867 geboren bin, sondern 1967. Na ja, aber alle diese Gedanken funktionieren halt nicht so richtig. Ich hatte auch die Hölle. Als Kind, als Teenager. Und das hält auch bis heute an in mir. Ich weiß nicht, wie es geht, da rauszukommen. 

Bis morgen!