Donnerstag, 28. Januar 2021

 Ich gehe ...

... gegen meine Depressionen. Jeden Tag. Eine Stunde. Und wieder zurück.

Ich schreibe ...

... gegen meine Dämonen, die mir einreden, dass mein Leben zu Ende ist.


Klingt krude? Fühlt sich auch so an. Alle meine äußeren Faktoren zur Abhängigkeit sind weg. Mein Partner, mein alter Job, meine Tochter. Selbst mein Hund lebt nicht bei mir. Ich war Zeit meines Lebens eine zerrissene Person, zwischen dem Wohl der Komfortzone und dem Wunsch der Freiheit. Jetzt fühle ich mich so, wie sich wohl ein Akoholiker fühlen muss, wenn er seine Flasche stehenlässt. Ich hatte einen krassen Rückfall und habe meinen Ex-Partner angeschrieben. Fünf Jahre mache ich das von meinen Dämonen eingefädelte Spiel jetzt schon mit. "Nimm das bisschen, was du kriegen kannst. Häng' dich an ihn ran, dann musst du dein Eigenes nicht finden". Was kam war klar. Eine Absage an mich. Die Einzelheiten erspare ich den geneigten Leser*innen. Fünf Jahre sind zu viel. 

Ich oute mich jetzt hier total. Ich bin überzeugt, es hilft mir, den Dämon der Abhängigkeit abzuschütteln. Ich habe Abhängigkeit gelernt, als ich als Kind meine Mutter unterstützte. Gebraucht werden ist mein zweiter Vorname. Mich anklammern an Menschen, damit ich mein eigenes Leben nicht leben muss. Wie immer das auch aussähe. Und so klammerte ich mich an meine Tochter. Sie war lange Jahre mein einziger Lebensinhalt. Sie war meine Krücke. Ich klammerte mich an einen Mann, der gar nicht auf Augenhöhe mit mir sein konnte, ich machte ihn klein, um mich groß zu fühlen. Ich wollte von ihm gebraucht werden, mich an sein Leben hängen, bei ihm mitmachen. Ich klammerte mich an die Idee, ein Hund würde meine Seele retten. Und am Ende liegen die Scherben scharf vor mir. Den Partner habe ich zu Tode kontrolliert, die Tochter ging weg, weil sie unfassbar von meinem Leiden und Opfergejammer zu viel hatte, der Hund war mir irgendwann zu viel Verantwortung. Den Job gab ich auf, weil ich ihn immer schon hasste.

So sitze ich jetzt zuhause. Ich bin wie gelähmt vor Angst. Ich versuche die Tage zu erleben, nicht aufzugeben. Im Hier und Jetzt zu bleiben. Ich bin kein kleines Kind mehr. Es ist 2021. Meine Existenzängste jagen mich in den Wahnsinn. Alles ist weg, alles ist anders. Ist es zu viel Umbruch oder gerade richtig.

Kurz was aus dem Hier und Heute:

Heute habe ich wieder eine neue Klasse kennengelernt, die im Notbetrieb der Schule Home-Schooling in der Schule machen. Es war ein Mischmasch aus allen Gefühlen. Einige lernen selbständig, andere nerven nur, können vielleicht nicht anders, wieder andere brauchen unfassbar viel Aufmerksamkeit. Ich war heute nur genervt. Ich war verunsichert, da meine Kollegin eine diplomierte Erziehungwissenschaftlerin ist und ich gefühlt ein Nichts. Ich weiß nicht, ob und wann ich was richtig oder falsch mache. Ich bin da raus gestolpert nach vier Stunden, mit den Nerven fix und fertig.

Also erstmal eine Stunde gehen, im Regen. Tränen fließenlassen. Weitergehen. Atmen. Wütend werden, gehen, Nase putzen. Kurz bei Elli vorbei. Trost abgeholt und gerettetes Essen. Heute Abend noch ins Meeting.

Ich hab's gar nicht falsch gemacht heute. Die Kinder sind bunt, genau wie ich bunt bin. Einige sind so, die anderen anders. Ich habe viel beobachtet, vielleicht etwas falsch gemacht, aber das meiste aus dem Bauch richtig. Sie sprechen mich an, wollen meinen Rat, schieben mir ihre Hefte zu, wenn sie mir etwas zeigen möchten. Für diese Kinder bin ich nicht falsch. Ich muss halt noch begreifen, dass alles gut ist, Beziehungen sich langsam aufbauen, ich beobachten darf, nicht alles können muss, und doch schon vieles kann, auch wenn ich keine Diplom-Erziehungswissenschaftlerin bin. Wie das mit dem Geld weitergehen soll, weiß ich allerdings auch noch nicht.

Bis morgen!